Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Plastische Anatomie des menschlichen Körpers
Person:
Kollmann, Julius
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1947221
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1950700
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Siebenter Abschnitt. 
Ferne gerichtet dargestellt werden, auf bedeutende, weitschauende, 
tiefgehende Gedanken hindeuten. 
Sobald das Auge von der eben erwähnten Richtung abweicht, kann 
sofort seine Mimik eine andere Bedeutung gewinnen. Es ist eine aus 
der täglichen Erfahrung abgeleitete Regel, daß sich bei der Begeister- 
ung oder bei der Hoffnung, z. B. auf himmlischen Lohn, der Blick 
nach oben richtet, aber bei paralleler Stellung der Augenachsen. 
Der gesenkte Blick, dem die oberen Lider folgen, wodurch weniger 
Licht in das Innere des Auges dringt, steht zwar ebenfalls mit einem 
nachdenkenden Geist in Verbindung, aber er steht in unwillkürlichem 
Zusammenhang mit der Vorstellung der Entsagung von so manchem, 
was teuer war. Auch die Verzweiflung starrt mit parallelen Sehachsen 
vor sich hin, ebenso die Reue und die unbedingte Ergebung in das 
unvermeidliche Schicksal. 
Wenden sich die parallel gestellten Sehachsen zur Seite, entweder 
etwas gesenkt, oder in der Horizontalebene gelegen, so entsteht der Blick 
des Zweifels, der in der Ferne die Entscheidung sucht. 
Der Nachdenkende richtet den Blick mit gehobenem oberen Augenlide, ohne 
irgend eine Fixierung, in die Ferne oder nach oben; er will alle Zerstreuung meiden 
dadurch, daß er, die Augen ins Leere oder Einförmige richtend, sich daran hindert, 
irgend einen Gegenstand zu sehen, der etwa seine Aufmerksamkeit ablenken könnte. 
 Für alle diese Fälle ist das Gemeinsame das Vermeiden der Fixierung, sei es aus 
Absicht oder aus Indolenz; es giebt aber noch eine Reihe von Arten des Blickes, 
bei welchen das Fehlen der Fixierung ebenfalls charakteristisch ist, bei welchen 
aber dieselbe nicht fehlt, weil sie vermieden wird, sondern weil sie nicht zustande 
kommen kann, wie bei dem "starren Blick" der Hoiihungslosigkeit und des 
Schmerzes. Bei der Hoffnungslosigkeit, in welcher alle Energie schwindet, hat der 
Blick den Charakter der schlaffen Ruhe und nähert sich auch in der häufig damit 
verbundenen Senkung des oberen Augenlids dem schläfrigen Blick. Bei dem Schmerz, 
der Angst, der Verzweiflung aber, welche ja alle mit heftiger Aufregung verbunden 
sind, hat die Starrheit des Blickes den Charakter einer krampfhaften Anstrengung 
aller das Auge bewegenden Muskeln. Bei hohen Graden dieser Affekte erscheint das 
Auge deshalb mit weit geöffneter Lidspalte festgestellt. 
Die mittlere Stellung oder die mäßige Konvergenz der Augen- 
aohsen erfordert eine ganz bestimmte Thätigkeit der Augenmuskeln; die 
Achsen schneiden sich in mäßiger Entfernung, beispielsweise von 6-10 m 
(wie in den Figuren 152 und 153). Der Willensimpuls lenkt sie nach 
dem bestimmten Punkt, der „ins Auge gefaßt" ruhig und fest fixiert wird; 
das volle Interesse konzentriert sich für den fixierten Gegenstand. Sind 
wir selbst dieser Gegenstand, so werden wir von dem Blick gefesselt, 
angezogen, gleichviel, ob er mit Ernst, Teilnahme oder mit Liebe auf 
uns ruht. Die Empfindung, welche dieser Blick in uns weckt, ist zwar 
verschieden nach dem Ausdruck, der in dem übrigen Gesicht der herr- 
schende ist, aber die Grundbedingung für unsere persönliche Beziehung 
zu dem Beschauenden liegt zunächst darin, daß die Augenachsen uns
        

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