Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Plastische Anatomie des menschlichen Körpers
Person:
Kollmann, Julius
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1947221
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1950692
Muskeln 
Kopfes. 
des 
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Der Grad der Konvergenz wird auch als "Neigung" bezeichnet. 
Dabei ist es gleichgültig, ob der Kopf gehoben oder gesenkt ist, ob er 
sich gerade dem betrachteten Punkt gegenüber befindet, der Blick also 
voll, oder 0b er von der Seite her darauf gerichtet ist. Bei einem normal- 
sichtigen Auge können die Gegenstände zeitweise, wie bei dem Lesen, 
bis auf 12 Zoll: 86 cm genähert werden. Zwischen dem Blick nach 
dieser Entfernung und dem damit verbundenen starken Grade der Kon- 
vergenz der Augen, bis zu dem Blick in die unendliche Ferne, giebt es 
eine Reihe von Zwischenstellungen, die wir an jedem Auge mit vollstän- 
diger Schärfe zu beurteilen verstehen, bei dem Menschen, wie bei den- 
jenigen Tieren, deren Augen eine dem Menschen ähnliche Lage besitzen, 
wie Affen und Raubtiere. Bei Wiederkäuern und Nagern, deren Augen 
mehr seitwärts am Kopfe sitzen, ist die Unterscheidung beträchtlich 
schwieriger. 
Für den Menschen, also im weitesten Sinn für die ganze Menschen- 
gattung, ist unsere Übung in der Beurteilung des Blickes so entwickelt, 
daß wir die feinsten Änderungen wahrnehmen, obwohl sie nur Bruchteile 
eines Millimeters ausmachen. Jeder Mensch mit normaler Sehweite soll 
eine von seiner Beschäftigungsweise, also von seinem ganzen Gedanken- 
gang abhängige mittlere Stellung besitzen, in welche die Augen 
immer wieder zurückkehren, so oft sie auch durch die Aufmerksamkeit 
auf vorübergehende Erscheinungen abgelenkt werden. Diese mäßig große 
mittlere Augenstellung darzustellen, liegt ebenso in der Willkür des 
Künstlers, als die Wahl der parallelen Stellung, oder diejenige der stärk- 
sten Neigung der Augenachsen. Welche zu erwahlen ist, hängt ab von 
der Situation, um deren Darstellung es sich handelt, gleichviel ob sie der 
Wirklichkeit entsprechen soll oder erfunden ist. Die Augenstellung ist 
dabei ein wichtiges Mittel, die Persönlichkeit eines Menschen zu charak- 
terisieren. Deshalb sind die Profilansichten bei Porträts zu verwerfen, 
denn das bedeutungsvolle der Augenstellung geht verloren. 
Nach der Erörterung der durch den Willen bedingten Stellung der 
Augen sollen einige Arten des Blickes besprochen werden, soweit sie von 
Affekten abhängig sind und also unwillkürlich eintreten. 
Sobald sich unsere Vorstellung mit Gedanken beschäftigt, die weit 
abliegen von den Dingen der sichtbaren Umgebung, geht das Auge in 
parallele Stellung über. Bei Gedanken über das Jenseits, über wissen- 
schaftliche Probleme, über fernliegende Fragen der Vergangen- 
heit oder der Zukunft, bei der Überlegung weitangelegter Pläne, sei 
es im Interesse der Familie, des Staates, oder der eigenen Person, ist 
der Blick mit paralleler Augenstellung fixiert wie auf einen be- 
Sümmten Punkt in unendlicher oder wenigstens in sehr großer Ent- 
fßrnung. Die parallele Augenstellung an sich kann also in einem Porträt, 
sobald die Augen gleichzeitig in horizontaler Richtung wie in die
        

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