Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Plastische Anatomie des menschlichen Körpers
Person:
Kollmann, Julius
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1947221
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1950678
Kopfes. 
Muskeln des 
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DARWIN macht in sehr vielen Fällen die Gewohnheit, die von den Vorfahren 
ererbt wurde, zum Ausgangspunkt seiner Erörterungen, wie die Gebärden einst ent- 
standen seien. Gewohnheit ist einer der wichtigsten, aber auch der dunkelsten Be- 
gritfe, und eine Theorie, die ihn zur Leuchte nimmt, muß notwendig mehr neue 
Rätsel schalten als lösen. Die Vererbung mag manches begreiflich machen, aber 
doch nicht alles. Es giebt unmittelbare, der Willkür ganz entzogene Lcbensäußerungen, 
die wie die Schamröte bei der Verlegenheit oder der Gallenerguß beim Arger in das 
Dominium des sympathischen Nerven fallen. Wenn wir nachts an irgendeine Ver- 
legenheit des vorhergegangenen Tages uns erinnern, liegt der ganze Leib wie auf 
Nesseln. Durch die Annahme, daß schon die Ur-Urgroßväter diese Wirkung auf 
die Schweißdrüsen und Hautnerven hatten, wird der ganze Vorgang um kein Haar 
verständlicher. Gleichwohl sind alle von DARWIN mitgeteilten Beobachtungen über 
den Grad und die Ausdehnung des Errötens und über die Gebärden bei dem Schämen 
im höchsten Grade wertvoll und verlieren nichts von ihrem hervorragenden Interesse. 
Ohne irgend welche Kenntnis von dem komplizierten Vorgang in unserem 
Nervensystem bei der Entstehung der Gebärden sind wir doch alle durch die Beobach- 
tung schon von frühester Jugend an zu geschickten Physiognomikern geworden. Wir 
deuten nicht allein den Ausdruck der Freude oder des Schmerzes und vieler anderer 
Affekte vollkommen zutreffend in ihren stärksten Graden, auch die leisesten Zuckungen 
der Muskeln, welche nach der einen oder der anderen Richtung ausschlagen, werden 
schon verstanden. Es ist dabei die Beobachtung der Umgebung lehrreich, aber auch 
das Beschauen unserer eigenen Gebärden bereichert die Erfahrung. Dabei wird die 
Sicherheit unseres Urteils so groß, daß wir weder in der Beurteilung dieser starken 
Affekte noch all der anderen , die als Wohlwollen, Freundlichkeit, oder Hohn und 
Spott ihren weniger scharf ausgeprägten Ausdruck in das Gesicht legen, jemals fehlen. 
Es hängt dies damit zusammen, daß der Ausdruck der Gemütsbewegungen überall 
derselbe ist, mag die Heimat und die Abstammung noch so verschieden sein. Wir 
können unsere eigene Mimik als Maßstab benutzen für diejenige der Mitmenschen. 
Aus dieser Thatsache hat sich jene Kunst entwickelt, durch Mienen und Gebärden 
die Affekte anderer Menschen auszudrücken. 
Mimische Künste sind nachahmende oder darstellende Künste, und gehen  
darauf aus, gewisse Individualitäten nach ihrer äußeren Erscheinung zur Anschauung 
zu bringen, bestehe sie nun in der Nachahmung körperlicher oder psychologischer 
Seiten. Die letztere wird ein Hauptmittel dramatischer Darstellung. Es giebt be- 
kanntlich eine tragische, komische, oratorische Mimik. Der Künstler lauscht die 
Zeichen der psychologischen Vorgänge in den äußeren Organen des Körpers, das 
Spiel der Seele, sich selbst und der Menschheit ab. 
Eine Folge unserer Erfahrungen über den Ausdruck der Gemütsbewegungen ist 
der Wunsch, aus diesen Zeichen auch den Charakter des Menschen zu deuten. Die 
Versuche, zwischen dem Äußeren des Menschen, namentlich seinen Gesichtszügen 
und seinem Innern, gewisse Regeln der Beziehung aufzufinden sind uralt, sie gründen 
sich auf die Wechselwirkung zwischen Geist und Körper. In den folgenden Er-- 
örterungen ist jeder Versuch gänzlich ausgeschlossen, aus der Form des Antlitzes 
oder eines konstanten Ausdruckes weissagende Regeln für die Kenntnis des Charakters 
abzuleiten. Auch den Knochcnbau oder andere Eigenschaften, des Körpers werden 
wir nicht als bedeutungsvolle Symbole des Charakters betrachten, wie dies im täg- 
lichen Leben so oft geschieht, denn diese Dinge haben mit der Entwickelung des 
Geistes nichts zu schaffen. Nur der allgemeine Satz ist unbestreitbar: in corpore 
sano, mens sana  in einem gesunden Körper wohnteine gesunde Seele. Ob dabei 
der Schädeldurchmesser lang oder kurz, die Nase stumpf oder spitz ist, bleibt für 
die Entwickelung des Verstandes und des Charakters völlig gleichgültig. Wie eine 
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