Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Plastische Anatomie des menschlichen Körpers
Person:
Kollmann, Julius
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1947221
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1950668
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Siebenter Abschnitt. 
Schluß der Lidspalte. Der Reilexbogen ist kurz, die Erregung geht von 
der gereizten Stelle aus nach dem Gehirn, und durch das Reflexzentrum 
hindurch auf jene motorische Bahn, welche ausschließlich den Ringmuskel 
des Auges innerviert. Die ausgebreiteten Reflexe sind eine andere 
Form, bei der nach Erregung einer sensibeln Faser innerhalb großer 
Muskelgruppen Bewegungen komplizierter Art ausgelöst werden, welche 
nicht bloß den Charakter der Zweckmäßigkeit, sondern auch den Schein 
der Absicht an sich tragen. Hierher gehört das Niesen, Husten, das 
Zurückziehen der Arme und der Beine bei unerwarteter Berührung, die 
Abwehr- und Fluchtbewegungen u. s. w. 
Diese Auseinandersetzung über Reiiexbewegungen sollte darauf vor- 
bereiten, die mechanische Grundlage, auf welcher der Ausdruck der 
Gemütsbewegungen beruht, in den Hauptumrissen zu schildern. Die 
Gemütsbewegung ist freilich nicht direkt dem Reiz der Bindehaut oder 
der Wirkung des Blitzes auf die Netzhaut vergleichbar. Sie ist ein 
geheimnisvoller Zustand unseres Nervensystems, und zwar jener Sphäre, 
die wir als Bewußtsein bezeichnen. Freude, Trauer, Zorn erzeugen Vor- 
stellungen, d. i. eine Kette von freudigen oder schmerzlichen Vorgängen 
in unserem Innern. Wenn eine Vorstellung oder, was gleichbedeutend 
ist, ein Affekt unser Inneres bewegt, so entsteht jene Stimmung, welche 
die Gefühle von Freude und Schmerz und Zorn begleitet? Dabei über- 
schreiten jene geheimnisvollen Wellen der Bewegung die Bahnen inner- 
halb der Schädelkapsel, und setzen sich unabhängig von dem Willen 
in die motorischen Nervenfasern des Körpers fort. Sie überfluten gleich- 
sam die Ufer, und die Wellen erreichen entfernte, an der Peripherie des 
Körpers liegende Gebiete. Diese in die Peripherie getragenen Bewegungen 
werden schließlich als Muskelzug bemerkbar. Diese Spannung bestimmter 
Muskelgruppen erzeugt Gebärden, und so "werden die Muskeln die Dol- 
metscher unserer inneren Regungen. So fahrt der Schreck oder die 
Freude gleichzeitig in verschiedene Muskeln, und veranlaßt unbewußt 
Zuckungen, die sich über den ganzen Körper ausdehnen und bei dem 
Zorn können nach und nach oder sofort alle Muskeln des ganzen Körpers 
in Aufregung geraten. 
Neben den Muskeln stehen auch die Gefäße, die Haut und andere 
Organe im Dienste der Mimik. 
Das Werk von Cn. DARWIN: Über den Ausdruck der Gemütsbewegungen bei 
Mensch und Tier, deutsch von V. CARUS, enthält unter den neueren Werken wohl die 
vielseitigste Erörterung dieses Gegenstandes. Der Wert dieses ausgezeichneten Buches 
bleibt auch dann unbestreitbar, wenn nicht alle Erklärungen, welche dort für die 
Entstehung der Gebärden gegeben werden, vor der Kritik bestehen sollten. 
1 Für eine weitere Analyse der Gemütsbewegungen, namentlich in Bezug auf 
eine Trennung der Affekte und Triebe, verweise ich auf WUNDT, Grundzüge der 
physiologischen Psychologie. Leipzig. V. Abschnitt. S. 820 u. 1T.
        

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