Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Plastische Anatomie des menschlichen Körpers
Person:
Kollmann, Julius
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1947221
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1947808
Einleitung. 
ausfallen, je nach Neigung und Geschmack. Ich habe zumeist individuelle 
Erscheinungen, aber auch Vorbilder der Antike und der Renaissance berück- 
sichtigt. Von antiken Statuen berufe ich mich am häufigsten auf die be- 
kannte Figur des borghesischen Fechters, und aus der Blütezeit 
der Renaissance wurde mit Vorliebe MroHELANeEno ins Auge gefaßt. 
Seine nackten Figuren zeigen die am besten verstandenen Formen. Die 
Führung der Linien ist von einer Naturwahrheit, wie sie kaum einer nach 
ihm wieder in diesem Maße erreicht hat. Die Konturen des lebenden 
Muskels bei allen nur denkbaren Verschiebungen in der richtigen Form 
zu erkennen und darzustellen, das erforderte neben der Macht des Könnens 
zugleich die' ganze Tiefe anatomischen Verständnisses. Wenn auch nichts 
darüber bekannt geworden ware, daß er zwölf Jahre teils in Florenz und 
teils in Rom neben seiner künstlerischen Ausbildung den anatomischen 
Studien obgelegen habe, und daß er mit dem berühmten Anatomen REALDO 
COLOMBO bekannt gewesen sei, seine nackten Figuren würden deutlich 
genug davon erzählen. Die Überzeugung, daß für das Studium der 
Muskulatur kräftig entwickelte Körper unerlaßlich sind, bei denen alles 
stark und deutlich gezeichnet und leicht durch die Haut hindurch be- 
merkbar ist, hat mich veranlaßt, die Muskeln überall kräftig darzustellen. 
"Wer einmal die vollen Muskeln und Muskelgruppen sich klar machen 
konnte, der wird sie auch in dem abgeschwächten Grade wieder erkennen. 
S0 wie man dem Anfänger im Lesen nicht Miniaturbuchstaben vorlegt, 
sondern Riesenlettern, so darf man "auch dem Künstler nicht abgemagerte 
Schwächlinge zeigen, wenn er die Muskulatur des Körpers verstehen soll. 
Lieber einen Grobschmied zum Modell als einen Schneider. 
Die letzten Zweifel über die Wahl der Vorbilder für die Muskellehre 
schwinden gegenüber der Thatsache, daß die meisten Künstler, welche 
plastisch-anatomische Zeichnungen veröffentlichten, mit kecker Hand die 
Fülle der Natur zum Ausdruck brachten. Bei den Abbildungen. dieses 
Buches wurden überdies die einzelnen Muskeln so dargestellt, wie sie sich 
im Leben und während der Bewegung verhalten, nicht wie sie an dem 
anatomischen Präparat schlaff herunterhängen. Um solche Abbildungen 
herzustellen, muß zu der Zergliederung der Leiche noch das Studium am 
Lebenden hinzukommen. Als Ausgangspunkt ist die volle kräftige Mus- 
kulatur des Mannes gewählt. Von hier bis zum abgezehrten Greis oder 
bis zu den weichen Formen des Weibes wird der Künstler seinen Weg 
dann selbst finden können. Wer einiMeister ist, kann das Fortissimo 
und das Pianissimo in jeder Tonart spielen. Wer den menschlichen 
Körper kennt, wird auch Schwächlinge malen können, obwohl er nur die 
Anatomie an Athleten studiert hat.   
Die für das vorliegende Buch ausgewählten Abbildungen stellen ent- 
weder die Körper- und Skeletteile ruhender oder bewegter Menschen dar. 
Sie nur ruhenden zu entnehmen, wäre ebenso fehlerhaft gewesen, als das
        

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