Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Plastische Anatomie des menschlichen Körpers
Person:
Kollmann, Julius
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1947221
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1947790
Geschichte 
Anatomie. 
der plastischen 
Ich habe mir deshalb Mühe gegeben, nur wohlgeformte und kräftige Männer- 
gestalten in diesem Buche darzustellen. 
Es ist ein niederer Vergleich, aber er ist zutreffend: Der Künstler 
soll die Fehler in der menschlichen Gestalt kennen, wie der Pferdekenner 
die Fehler in der Gestalt des Pferdes kennt. Er braucht deshalb nicht 
einförmig zu werden, nicht seine Gestalten einem konventionellen Schema 
nachzubilden, er kann die Schönheit in ihren verschiedenen Erschei- 
nungsweisen aufsuchen. Man h_at bekanntlich noch keinen Mann oder 
keine Frau gefunden, deren Körper von Allen als tadellos schön bezeichnet 
wird, aber schön vom Standpunkt der gebildeten Welt kann diejenige 
Gestalt heißen, welche sich in allen Stellungen und in allen 
Ansichten, soweit sie in der idealen Kunst überhaupt zur An- 
Wendung kommen, vorteilhaft verwenden laßt. An solchen Ge- 
stalten" möge man das Auge üben. Es sind noch immer genug gut ge- 
baute Männer und Frauen und Kinder auf der Welt zu ünden. 
x 
Was eben von den Menschen im allgemeinen bezüglich der Verschieden- 
heit der Körperform gesagt wurde, gilt auch von der Proportion. Der"; 
menschlichen Gestalt liegt eine bestimmte Proportion zu Grunde. Alle 
Menschen erscheinen nach diesem allgemeinen Grundplan organisiert. Die Ä 
verschiedenen Menschenrassen weichen nur in geringem Grade von der l 
Hauptregel ab. Wenn nun wir Europäer an den normal entwickelten ' 
Kulturmenschen denken, so stellen wir uns Leute von einem bestimmten 
Ebemnaß im Gesicht wie in dem ganzen übrigen Körper vor. Dieser 
Normalmensch ist jedoch, das dürfen wir nicht vergessen, eine Abstraktion. 
Von all den menschlichen Gestalten, von den lebenden oder plastisch 
dargestellten, haben wir die nach unserer Meinung besten körperlichen 
Eigenschaften in einem Gesamtbild vereinigt und alles haßliche oder un- 
vollkommene daraus entfernt. Solche Normalmenschen kommen in der 
Wirklichkeit nicht vor, dennoch hat sie die Kunst stets dargestellt, die 
Antike wie die Renaissance. Dabei hat jeder dieser Normalmenschen aus 
diesen großen Kunstperioden etwas eigenartigesß 
Es entsteht nun die Frage, welchen dieser Normalmenschen soll man ; 
als Vorbild für die plastische Anatomie wählen, jenen des MICHELANGELO,  
der Antike oder neuerer Meister? Die Antwort wird stets verschieden 
1 Von den großen Meistern hat jeder seinen eigenen Normalmenschen. Wie 
jeder seine eigenen Ideale und seine besonderen Vorstellungen vom Schönen besitzt, 
so auch die schöpferischen Köpfe der klassischen Kunstperioden. Die N ormalmensehen 
des WCHELANGELO sind andere als die des Lnormnno DA Vmcr oder des RAFAEL. Alle 
männlichen Gestalten des ersteren haben etwas Hünenhaftes, das an Titanen erinnert. 
Selbst seine Frauengestalten haben etwas Gewaltiges. Würde irgend eine von dein 
Grab der Mediceer herabsteigen und auf uns zuschreiten, wir träten erschrocken bei- 
seite. Sie scheinen nicht der Liebe fähig; sie sind auch, wie man schon wiederholt 
gesagt hat, nicht zum Verlieben. 
        

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