Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Plastische Anatomie des menschlichen Körpers
Person:
Kollmann, Julius
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1947221
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1947767
Einleitung. 
Dieses Kopieren soll solange fortgesetzt werden, bis man im stande ist, 
auswendig die einzelnen Teile nachzuzeichnen. Ein solches Verfahren 
kann man "Auswendiglernen mit dem Stift" nennen. Wir verhalten uns 
dabei gerade so, wie bei dem Auswendiglernen eines Gedichtes. Man 
überschaut zuerst die Hauptpartien und prägt sich Hauptsatz für Haupt- 
satz ein. Man versucht dann bekanntlich bei weggelegtem Buche sie 
wieder herzusagen, und wenn man nicht fortkommen kann, sieht man in 
dem Texte wieder nach. S0 prägt man auch mit dem Bleistift die anato- 
,mischen und die lebendigen Formen dem Gedächtnis ein. Vortreffliche 
iRatschläge gab in dieser Hinsicht schon Lnonnnno DA VINCI, wie z. B. 
für das Studium der Knochenlehre: zeichne das Skelet des Fußes von 
rechts und links, dann jeden einzelnen Knochen für sich, aber so, daß 
 dessen Gelenkflache nach jener Seite hingerichtet ist, wo sie sich in der 
E Natur mit dem benachbarten Knochen verbindet. Und: Mache die Figur 
i? eines kleinen Knochens zweimal größer und sie wird viel verständlicher 
i! sein.  Ehe du die Muskeln auf die Knochen zeichnest, ziehe Linien, die 
lä den Verlauf anzeigen und an jener Stelle beginnen und endigen, wo sich 
{l die Muskeln am Knochen befestigen; das wird dir eine viel sicherere 
Kenntnis geben, als wenn du sogleich alle darstellen willst, einen über 
den andern.   
Es wurde schon oben des Studiums an der Leiche gedacht. Was 
ein Muskel ist, sein Ursprung und Verlauf, das Verhalten der Sehnen, der 
Bau der Gelenke; diese Grundvorstellungen sind für den Künstler die 
allerwichtigsten; sie müssen an der Leiche gewonnen werden. Und ist 
die Zergliederung" des Menschen unmöglich, so zergliedere man Tiere. 
Selbst das Bein eines Grasfrosches wird nach dieser Richtung hin lehr- 
reircher sein, als eine lange Beschreibung über das Wesen eines Muskels, 
und die anatomische Zerlegung irgend eines Vierfüßlers auf der Veterinär- 
schule hilft mehr zu dem Verstandnisse des lebendigen Körpers, auch des 
Menschen, als ein dickes Buch. Übrigens bietet sich überall in den 
Universitätsstädten Gelegenheit zu Studien an der Leiche. Hoffentlich 
werden sie wieder ebenso eifrig betrieben werden, wie einst zur Zeit der 
großen italienischen Kunstepoche. 
MICHELANGELO soll zwölf Jahre lang Anatomie studiert haben. Er hat viele 
Leichname seziert, und nicht nur von Menschen, sondern auch von Tieren, vornehm- 
lich von Pferden. „Da ist kein Tier, daß er nicht seziert hätte, und von der mensch- 
lichen Anatomie hatte er eine so gute Kenntnis, wie kaum einer, der sein ganzes 
Leben nichts anderes studiert hat." Er soll die Absicht gehabt haben, ein Werk 
über die Bewegungen und die Formen des menschlichen Körpers, sowie eine Osteo- 
logie herauszugeben, in welcher er eine von ihm durch lange Praxis gewonnene Pro- 
portionslehre aufzustellen gedachte; die des ALBRECHT Dünne habe ihm nicht gefallen, 
weil dieselbe nur von den Maßen und Varietäten des Menschenkörpers handle, worüber 
sich keine bestimmten Regeln aufstellen ließen und alle Figuren kerzengerade stünden. 
(Vnssnr, G., Leben der ausgezeichnetsten Maler etc., übersetzt von E. Fonsrnn. Stutt- 
fgart und Tübingen 1847. Bd. V. S. 417 u. ff.)
        

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