Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Plastische Anatomie des menschlichen Körpers
Person:
Kollmann, Julius
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1947221
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1950098
Muskellehre. 
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nun auf den Wurfhebel des Unterkiefers ebenfallsihre Anwendung. Je 
näher die Last dem Angriifspunkte der bewegenden Kraft rückt, mit desto 
geringerem Kraftaufwand wird sie überwunden. Darum beißt man einen 
Apfel mit den Schneidezähnen an und knackt eine Nuß mit_ den Mahl- 
zähnen auf. Bei diesen Wirkungen sind Knochenvorsprünge, Fort- 
sätze, Dornen und Stacheln eine wertvolle Zugabe, um die Schnellig- 
keit der Bewegung zu erhöhen, worauf schon in der Einleitung zu der 
Knochenlehre hingewiesen wurde. Denn je entfernter die Ansatzstelle 
des Muskels von dem Gelenke, dem Mittelpunkte der Bewegung, desto 
kräftiger wirkt der Muskel. In demselben Sinne sind die Verdickungen 
der Knochen an den Gelenken aufzufassen. Diese Auftreibungen sind 
für die Kraftentfaltung von wesentlichem Vorteil. Der Muskel Nr.2 in 
Figur 114 setzt sich, wie so viele andere, unter spitzem Winkel an den 
Knochen bei Nr.3 an. Die ideale Gelenkachse, welche durch einen hellen 
Punkt in der Rolle des Oberarmknochens angedeutet ist, hat vor und 
hinter sich eine beträchtliche Auftreibung, deren Ausdehnung die punk- 
tierte Linie bei Nr.5 abschätzen läßt. Der Armbeuger Figur 114 Nr.2, 
welcher über dieses verdickte Gelenkende hinwegläuft, findet dort einen, 
wenn auch nicht sehr beträchtlichen, doch immerhin wertvollen Stütz- 
punkt. Die Dicke der Gelenkverbindungen korrigiert demnach wenigstens 
etwas die ungünstige Zuglinie bei vollständig gestreckter Stellung. Diese 
kleine Erhöhung ist schon imstande, den Knochen und damit die zu be- 
wegende Last aus der gestreckten Lage etwas in die Beugung über- 
zuführen. Unter solchen Umständen ist es klar, daß alle Knochen- 
Vorsprünge, gerade wie Knochen- und Bandrollen die Kraft eines Muskels 
auch steigern, wenn er über zwei oder mehrere Gelenke hinwegzieht. 
Nicht bloß für die eingelenkigen Muskjeln wie in Figur 114 gilt das 
eben Gesagte, sondern auch für die mehrgelenkigen Muskeln, d. h. 
für jene, die ihr Verlauf über mehrere Gelenke hinwegführt. Die Finger- 
und Zehenbeuger sind hervorragende Beispiele dieser Art. Um zu dem 
Nagelglied zu gelangen, ziehen sie alle oft an vier und mehr Knochen- 
verbindungen vorbei, und überall helfen bei der Bewegung die verdickten 
Gelenkenden als Knochenrollen mit. 
Zum Sohlusse folgen einige Regeln, welche die Physiologie bei der 
Forschung über das Wesen des Muskels entdeckt hat. Sie sind so ein- 
fach, daß sie keiner weiteren Erklärung bedürfen. 
Ein Muskel, welcher zweimal so dick ist als ein anderer, wird zwei- 
mal mehr leisten können. Ein langer Muskel wird nicht kräftiger sein 
als 8111 kurzer von gleicher Breite und Dicke.  Ein Muskel mit längs- 
paralleler Faserung kann sich im Maximum um öfs seiner Länge zu- 
sammenziehen.  Besteht ein Muskel aus zwei, drei, vier Portionen, 
welche einen gemeinschaftlichen Ansatzpunkt haben, so wird die Wirkung 
eine sehr verschiedene sein, wenn alle Portionen in Thätigkeit geraten,
        

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