Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Plastische Anatomie des menschlichen Körpers
Person:
Kollmann, Julius
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1947221
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1949564
Das 
Hüftgelenk. 
Die Verbindungider unteren Gliedmaßen mit dem Rumpf durch eine 
Kapsel und durch Verstärkungsbänder stellt ein Kugelgelenk dar, das 
wegen seiner Tiefe in der Mechanik als Nußgelenk bezeichnet wird. 
Der Kopf des Femur greift dabei in die Pfanne des Hüftbeins so tief 
ein, daß mehr als die Hälfte der Kugel von der Pfanne umschlossen 
wird. Dieser letztere Umstand ist nur an dem frischen Präparat, nicht 
an dem Skelet erkennbar. Die Fäulnis zerstört nämlich einen faser- 
knorpeligen Ring, der dem Rand der Pfanne aufsitzt, und der sich 
während des Lebens eng an den Gelenkkopf anschmiegt. (Über dieses 
Nußgelenk vergl. S. 30.) In diesem Kugelgelenk sind drei Arten von Be- 
wegungen ausführbar. 
1) Beinheben und Beinsenken. Es sind dies dieselben Be- 
wegungen, welche in verschiedenem Grade beim Gehen, Laufen und 
Springen auftreten. In der systematischen Anatomie nennt man dieses 
Heben und Senken gewöhnlich Beugung und Streckung. 
2) Abziehen und Anziehen des Beines; in der Turnsprache 
heißen diese Bewegungen bezeichnender Beinspreizen und Beinschluß. 
3) Rollen des Beines nach einwärts und Rollen nach aus- 
wärts; diese Drehbewegungen werden unter dem Ausdruck "Rotation" 
zusammengefaßt. Wird die Fußspitze nach auswärts gedreht, so steht 
der innere Fußrand je nach dem Grade der Drehung mehr oder weniger 
nach vorn, ebenso die innere Ober- und Unterschenkelflache. Rollt da- 
gegen der Schenkelkopf nach innen, so wird umgekehrt die äußere 
Bdache des Beines teilweise zur vorderen, und die Fußspitze. stellt sich 
nach innen. Das Auswartsrollen kann viel weiter getrieben werden als 
die entgegengesetzte Bewegung, welche übrigens unschön ist und den 
Eindruck der Verrenkung macht, sobald sie bis an die äußerste Grenze 
weitergeführt wird.  
Die Leichtigkeit, mit der alle diese Bewegungen, namentlich jene des Beinhebens 
und Beinsenkens, ausgeführt werden, hängt mit den Einrichtungen zusammen, welche 
in der Einleitung S. 27 u. H". erörtert wurden. Durch die Verwendung des Luft- 
druckes und der Adhäsion schwingt bei dem natürlichen Gange, sowohl bei dem 
Menschen als bei den Tieren, das unbelastete Bein nach den Gesetzen eines frei- 
hängenden Pendels; für diese Bewegung ist also keinerlei Muskelkraft erforderlich. 
Auch das tote Bein schwingt, wenn der Körper in die entsprechende Lage gebracht 
ist, ebenso wie während des Lebens; die Schwingungszeit beträgt ebensoviel, wie- 
diejenige eines Pendels von der Länge des Beines und von der ihm zukommenden 
ltlassenverteilung. Die Länge des natürlichen Schrittes bei dem ruhigen Gang ist 
nicht Sache der Willkür, sondern die Folge eines physikalischen Gesetzes, das die 
Größe einer Schwingung abhängig macht von der Pendellänge. Je kürzer die Beine, 
um so rascher werden sie dem Gesetze gemäß ihre Schwingungen vollenden. Kleine 
Menschen machen deshalb kurze, große Menschen lange Schritte, die Bewegungen 
des einen sind schnell und hurtig, diejenigen des anderen gravitätisch und langsam.
        

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