Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Plastische Anatomie des menschlichen Körpers
Person:
Kollmann, Julius
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1947221
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1949051
des 
Knochen 
Stammes. 
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einander zusammenhängen. Was von ihnen noch unter den Rippen Platz 
findet, verringert den Umfang des weichen Unterleibes, der infolgedessen 
einsinkt. Dadurch ist der Gegensatz zwischen der Höhe der vorderen 
Brustfläche und derjenigen des Unterleibes auch im Tode vorhanden und 
scheint auf den ersten Augenblick ebenso groß zu sein, wie nach einer 
forcierten Einatmung während des Lebens. Der Unterschied liegt aber 
darin, daß in dem letzteren Fall der Brustkorb thatsachlich viel höher 
und der Unterleib weniger tief eingesunken ist. 
Die christliche Kunst hat in ihren Monumenten, wo es sich um die 
Darstellung von Toten handelt, mit dieser Thatsache zu rechnen. 
Die Beobachtung lehrt allerdings, daß dieser ästhetische Gegensatz 
zwischen Brust und Bauch nur kurze Zeit nach dem Tode bestehen bleibt 
und bei einer Verletzung des Thorax sofort verschwindet, weil dessen 
luftdichte Beschaffenheit in diesem Falle zerstört ist. Namentlich wird 
der Gegensatz durch die Fäulnisgase aufgehoben, welche sich in der 
Unterleibshöhle entwickeln und die Eingeweide und damit den Unterleib 
aufblähen; die nachgiebigen Bauchwandungen wölben sich dann hoch 
empor, während der Brustkorb nur wenig in seiner Form verändert wird. 
Ehe noch die Zersetzung beginnt und die Fäulnisgase ihre, die Form des 
Körpers entstellende Wirkung ausüben, erscheinen als Vorboten grünlich- 
blaue Flecken in der Haut und namentlich in der Haut der Bauchwand. 
Während bis zu jenem Zeitpunkte die Leiche das Aussehen eines Schlafenden 
vortäuschen kann, weil die ästhetisch schönen Formen des Körpers noch er- 
halten sind, wird mit dem Beginn der Zersetzung der Eindruck ein anderer. 
Zu dem erschütternden Gefühl, das der Anblick des Toten hervorruft, kommt 
jetzt die abstoßende Farbe und der ekelerregende Geruch der Verwesung. 
Wir sehen ein, daß der Tote jetzt der Erde übergeben werden muß, und 
daß wir uns von ihm trennen müssen, wäre er uns auch noch so teuer. 
Wir ahnen die Gefahr, welche die Nähe einer Leiche uns bringt, denn 
der Geruch und das über die Reinheit der Atmungsluft wachende Sinnes- 
organ warnen uns. Der Trieb der Selbsterhaltung beginnt sich zu regen, 
bewußt oder unbewußt, und wir wenden uns ab. Mit Recht hat die 
Archäologie den auf dem Rücken liegenden Niobiden "sterbend" genannt: 
weder Brust noch Unterleib tragen Spuren des Todes an sich. Dagegen 
ist Christus im Grab von HANS HOLBEIN nicht nur als Toter dargestellt, 
sondern noch mehr, als eine in der Zersetzung befindliche Leiche, an 
welcher Fäulnisliecken auftreten nnd "das gewaltigste Zerstörungsmittel 
der Natur, die Zersetzung, ihr Werk bereits begonnen hat. 
KOLLMANN, 
Plastische Anatomie. 
II. Aufl.
        

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