Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Plastische Anatomie des menschlichen Körpers
Person:
Kollmann, Julius
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1947221
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1949005
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Vierter Abschnitt. 
Anfassen eine tiefe Einatmung, und der Atem wird so lange angehalten, 
bis die Kugel in der Gleichgewichtslage auf dem gestreckten Arm über 
den Kopf emporgehoben ist. Dann erst kann eine Ausatmung unge- 
hindert stattfinden, ja in diesem letzten Abschnitt der Handlung ist im 
Vergleich zu der unmittelbar vorausgegangenen Anstrengung sogar ein 
gewisser Grad von Ruhe und Erholung möglich. Das Aufheben der 
Kugel von dem Boden geschieht zunächst dadurch, daß der gebeugte 
Rumpf durch die Rückenmuskeln allmählich geradegestreckt und das 
Becken auf den Gelenkköpfen der Oberschenkelknochen emporgedreht 
wird. Während dieser Zeit hängt die Kugel an dem gestrecktemArm, 
und würde die rechte Thoraxhälfte zusammendrücken und nach der ent- 
gegengesetzten Seite hinüberschieben, wenn nicht beide Lungen voll- 
ständig mit Luft gefüllt wären, und so gleichzeitig der Wirkung des 
Zuges Widerstand leisteten. Noch viel mehr springt der Einiiuß eines 
solchen Gewichtes auf den Brustkorb in die Augen, sobald man sich 
jenen Moment vergegenwärtigt, in welchem die Kugel unter allmählicher 
Streckung des Armes über die Kopfhöhe hinaufsteigt. Die Heber der 
Schulter und des Schulterblattes, welche von den Rippen entspringen 
und die Kugel dadurch höher heben, daß sie das Schulterblatt mitsamt 
dem daran hängenden Arm drehen, bedürfen eines festen Ansatzpunktes, 
der unnachgiebig dem Gewicht des Armes und der daran hängenden 
Kugel Widerstand leistet, welche zusammen ein Gewicht von mehr als 
100 Kilogramm ausmachen. Im Zustand" der Ausatmung besitzt der 
Thorax diese Resistenz nicht, erst nach tiefer Inspiration verhält er sich 
wie ein Gewölbe, das von allen Seiten gestützt ist. Denn jene Brust- 
hälfte, auf welche die Last zunächst wirkt, wird abgesehen von der in 
ihrem Inneren vorhandenen, mit Wasserdampf gesättigten Luft auch noch 
gestützt von der ebenso gefüllten anderen Brusthälfteß In einer über- 
aus vollendeten Weise ist der Druck, von dem hier die Rede ist, an der 
Figur des Laokoon zu sehen. Die beiden Arme stemmen sich gegen die 
umschnürenden Windungen der Schlangen. Der eine Arm, erhoben, 
sucht durch Strecken das Unheil abzuhalten, während der andere in ge- 
senkter Stellung die gleiche Aufgabe in veränderter Form auszuführen 
sucht. 
Sieht man gänzlich ab von jeder psychischen Erregung und be- 
1 Ist die Größe der Kugel und die Stärke des Individuums in einem richtigen 
Verhältnis, so kann die Kugel gehoben werden, während der entgegengesetzte Arm 
gestreckt ist. Immerhin ist auch hierfür noch Übung erforderlich, d. h. die genügende 
Intensität der Zusammenziehung, in der zweckmäßigsten Reihenfolge ausgeführt, mit 
Ausschluß aller nicht unbedingt notwendigen Mitbewegungen. Dann erscheint das 
Überwinden der Last nicht als Qual, sondern als eine Leistung vorhandener aus- 
reichender Kraft, ja so kann die Bewegung selbst graziös genannt werden, sofern 
Grazie : Anmut in jeder Bewegung liegt, die mit dem geringsten Aufwand von Kraft 
ausgeführt wird. 
        

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