Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Plastische Anatomie des menschlichen Körpers
Person:
Kollmann, Julius
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1947221
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1948526
Dritter Abschnitt. 
Die Kluft zwischen den Anthropoiden und den Menschen tritt durch den 
CAiuPEIäschen Gesichtswinkel ebenso scharf hervor, als durch irgend einen der anderen 
Gesichts- oder Profilwinkel, welche in der neuesten Zeit Anwendung finden. Man 
daif nur nicht vergessen, daß der Schimpanse noch immer um 10" tiefer unter den 
Gesichtswinkel des römischen Ritters oder des alten Europäers herabriickt, die pro- 
gnather waren, als der Australneger, und daß der Gorilla um 260 unter dem Spröß- 
ling Roms steht, der vielleicht Führer einer Legion am Niederrhcin, als Träger alter 
Kultur und Macht jedenfalls im Vollbesitz seiner geistigen Kraft stand. 
Man hat früher aus dem Ergebnis des Cnnrnnlschen Gesichtswinkels bei den 
Menschen auch einen Schluß auf die Intelligenz gezogen und gemeint, der kleinere 
Winkel bei anderen, namentlich den farbigen Rassen, sei gleichzeitig ein sehr guter 
Wertmesser für den Grad der geistigen Begabung. Aber diese Ansicht ist irrig, seit- 
dem wir wissen, daß auch unter der weißen Rasse Prognathie und zwar zuweilen in 
extremen Graden vorkommt (ähnlich wie in den Nummern 1 u. 2 der obigen Tabelle), 
ohne einen schwächenden Einfluß auf die geistige Kraft auszuüben. Ferner ist zu 
erwägen, daß bei neugeborenen Kindern der CAnri-ziäsche Gesichtswinkel 900 und da- 
rüber beträgt, also bei dem hilflosen und geistig völlig unentwickelten Kinde mehr, 
als bei dem erwachsenen, selbständigen Wesen. Man käme auf diese Weise in die 
bedenkliche Lage, den Säugling über den Mann stellen zu müssen. Der Grund, warum 
sich der Schädel des Kindes durch einen günstigen Gesichtswinkel auszeichnet, liegt 
aber lediglich in der außerordentlichen Kleinheit des Kaugerüstes im Vergleich mit 
dem in seinem Wachstum schon weit vorgeschrittenen Hirnschädel. Das Gesicht ist 
bei dem neugeborenen Kinde noch verkümmert. Es fehlen die Zähne, also auch die 
langen Zahnwurzeln, damit aber auch die Zahnfortsätze am Ober- und Unterkiefer, 
welche ganz besonders zur Verlängerung des Gesichtsschädels beitragen. 
Schädel mit geradem Profil, bei denen von der senkrecht stehenden 
Stirn die Gesichtsteile in wenig veränderter Richtung anschließen, nennt 
man orthcgnathl. Die Orthognathie verleiht dem Gesicht edle Ge- 
staltung. Die hohe Stirn und ihr senkrechtes Abfallen gegen das Ge- 
sicht sind charakteristische Merkmale edler und geistig entwickelter Indi- 
viduen. An den Meisterwerken hellenischer Kunst findet man in der 
Regel einen Gesichtswinkel von 900, also höher als die Natur ihn zu- 
meist herstellt? Bei Göttern und Halbgöttern steigt derselbe" noch höher, 
wahrscheinlich um das Übermenschliche damit anzudeuten. Man begreift 
das Bestreben, dem Hirnschadel das Übergewicht über die der Sinnlich- 
keit fröhnenden Werkzeuge des Kauens und Riechens zu geben, denn er 
umschließt das Organ des Geistes, und der Geist, als Summe der Intelli- 
genz gedacht, ist gleichbedeutend mit Macht. Bei solcher Betrachtung 
des Gesichts- und des Hirnschadels läßt sich der Gegensatz zwischen 
menschlicher und tierischer Gestaltung des Hauptes wohl am besten ver- 
stehen. Aber selbst innerhalb des Menschengeschlechtes hilft eine solche 
Unterscheidung, die edlere Form des Antlitzes von der weniger edlen zu 
trennen. Denn auch hier kommt in erster Linie das Gleichgewicht der 
beiden Teile in Betracht und selbst der unbefangene Beobachter fühlt 
1 Von ortlzös gerade, und gnathös Kinnbacken.  
2 Beim Apollo von Belvedere soll der CAMPEIüsche Gesichtswinkel 
95 0 betragen.
        

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