Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Venezia
Person:
Perl, Henry Engel, Emil M. Tito, Ettore
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1919025
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1920074
abgeschossen, und sieben bis acht fielen tödtlich getroffen zu Boden. Dandolo hatte 
sich nicht getäuscht. Eine jede dieser Tauben barg einen glciehlautemlen Zettel 
unter dem Flügel, welcher das Einverständniss zwischen Candioten und Genuesen 
erwies. Der Feldherr wusste genug, um nicht länger zu zögern. Schon in der 
folgenden Nacht lief er im Sturm gegen Candia an, tiberrtimpelte die treu- und 
arglosen Genuesen und bemachtigte sich der Insel. Im Palaste des feindlichen 
Gouverneurs aber fanden die siegreichen Venezianer eine grosse Anzahl jener 
abgerichteten 'l'auben, welche Dandolo nach Venedig mitzunehmen befahl, wo sie 
nach jenem für das Wohl der Republik so entscheidenden Siege, mit grossei" 
Sorgfalt und Verehrung gepflegt und vom Volke gewissermassen als heilige Thiere 
angesehen worden sind. 
Das ist die eine Ueberlieferting, und nun hören wir die zweite. ln alter, 
alter Zeit herrschte die Sitte zu Venedig, am Palmsonntag zum Gaudium des Volkes 
eine Anzahl Tauben vom (fampanile und der Galerie, welche die iXPIareuskirche 
in ansehnlicher Höhe umgibt, jede mit einem Spannkettelchen versehen, herab- 
tlattern zu lassen. Die kleine Spannkette hemmte die Tauben im Fluge und zwang 
sie, sich der Erde zu nähern. Das Jauchzen des versammelten Volkes, dem zu 
Ehren dieses Schauspiel inscenirt wurde, belustigte die Patricier, welche von 
erhöhten Platzen an diesem Kanwpfe theilnahmen; denn natürlich entstand ein 
Wettstreit, wer die grösste Geschicklichkeit im Auffangen der gehetzteiw und nahe 
dem Boden flatternden 'l'hierchei1 bekunden und diesen Himmelssegen in genügender 
Anzahl zu leckerem Imbiss nach Hause tragen würde. Hin und wieder gelang es 
einem dieser gequälten Vögel, sich der Fessel zu entledigen, in eine der vielen 
Nischen, hinter einen der  Simse zu flüchten und im Dunkel 
dieser Abgeschiedenheit weiter zu leben und sich zu vermehren. 
Am wahrscheinlichsten ist es, dass beide Versionen recht haben und die 
Rolle, welche den Marcustatiben in Venedig noch heute zuerkannt wird, eine Folge 
dieser beiden Begebenheiten ist. 
Die Taube hat sich neben dem iN-larctislöxxren allmalig zu etwas von 
Venedig Unzertrennlicheni herausgebildet, und das Volk betrachtet diese Thiere 
mit einer nicht zu verkennenden, fast mit Scheu gepaarten Zärtlichkeit. So 
würde es zum Beispiel Niemand in Venedig wagen, sich an einer dieser Tauben 
zu vergreifen oder sie gar zu fangen, um sie etwa zu verzehren, was schliesslich 
Leuten, die ihr Huhn nicht im Topfe haben, wie es Heinrich IV. für jeden seiner 
Unterthanen wünschte, kaum übel zu nehmen urare. Einem Gondolier, der sich 
einst von einem reichen flllgläüdöl" verführen liess, ein Paar der schönsten 
Exemplare einzufangen und auf die Yacht des besagten Briten zu bringen, wäre 
es bald übel ergangen, und nur das Einschreiten der Justiz vermochte ihn aus 
den Händen seiner wüthenden Landsleute zu befreien. Die Marcustaube gilt dem 
Venezianer als Paladium. 
Diese Taubenbiographie hat uns eine weitere Viertelstunde geraubt, 
mittlerweile aber hat sich die Physiognomie des Platzes schon wieder verändert. 
Der Kanonenschuss ist nicht für die Tauben allein der Ruf, aus ihren geschützten 
Nischen heraus und von ihren Sirnsen herunter zu flattern; die Herren in den 
unterschiedlichen Aemtern erheben sich ebenfalls wie auf ein Commandoxwbrt, 
legen die Feder weg und machen rasch einen Gang durch die Procuratien, ehe sie 
während der kurzen einstündigen Rast ihr zweites Frtihstück in einer von den in 
unmittelbarer Nahe des Marcusplatzes gelegenen Restaurationen einnehmen. Da- 
durch wird der Platz für die Dauer von zehn Minuten mit einem Male höchst
        

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