Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Venezia
Person:
Perl, Henry Engel, Emil M. Tito, Ettore
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1919025
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1921659
und Lessing in einer Person, Erwähnung zu thun. Ebenso haben wir auf dem nahen 
Campo Sant' Angelo die Statue des Pietro Paleocopa übersehen, eines Ingenieurs, der 
als I-Iydraulikei- Venedig grosse Dienste erwiesen und obendrein im Revolutions- 
jahre 1848 ein Ministerportefeuille getragen hat. Da beide Monumente künstlerisch 
nicht besonders werthvoll und ganz modern sind, haben sie für den Fremden nur 
geringes Interesse. 
Schliessen wir diese Wanderung über jene landläufigen Plätze mit einem 
Blick nach oben ab. Da fallen uns ausser der sanft blauen Himmelsdecke, die 
wir so durchsichtig klar anderswo kaum zu Gesicht bekommen haben  weshalb 
es doch seine Richtigkeit mit dem Venediger Licht haben muss, von welchem 
Feder- und Pinselhelden von jeher so viel Aufhebens gemacht haben  zwei Dinge 
auf, die schiefen Thürme und die Schornsteine, die es auch nirgends sonst gibt, 
die vielen, ganz nach einer Seite hin geneigten Campanili, von welchen man 
meinen müsste, jetzt und jetzt werden sich diese Riesen zum Entsetzen ihrer 
zahlreichen Bewunderer der ganzen Länge nach auf den schwanken Boden legen, 
der sie nun schon so manches Säcultim trägt, indessen Fachleute versichern, dass 
gerade dieses elastische Terrain es auch noch weitere Jahrhunderte hindurch zu 
 keiner ähnlichen Katastrophe kommen lassen wird. 
Von dieser Furcht befreit, lenken wir unsere Blicke den ganz merk- 
würdigen Schornsteinen Venedigs zu. Wo hat man je ähnliches gesehen? Jeder 
dieser krausen Gesellen hat eine aparte Figur. Drei bis vierhundert unter ihnen 
sind so originell, so ganz anders, als man sich einen ehrlichen Schornstein vor- 
stellt, dass sie als Galerie zusammengefasst und abkonterfeit worden sind und 
als Buch „I Cammini di Venezia" betitelt, auf dem Weltbüchermarkt als Curiosa 
ihren Mann stellen. Unwillkürlich fällt Einem hier abermals jenes Wort ein, welches 
Shakespeare vermuthlich einer italienischen Novelle seiner Zeit entlehnt hatte: 
Vinegizt, Vinegia, chi non ti vede, ei non ti pregia (Venedig, Venedig, wer Dich 
nicht sieht, weiss Dich nicht zu schätzen). Heute sieht das alte Vinegia jeder 
zweite Mensch, geschätzt und geliebt wird es auch wie ein echtes und rechtes 
Schooskind, allein  gekannt bis in seine innersten Schleichwege ist es nur von 
einer verschwindenden Zahl, zu der wir aber um jeden Preis gehören wollen. 
Darum rasch das eben heranpustende Vaporetto bestiegen, das an der eisernen 
Brücke, vor der wir eben Halt gemacht, stehen bleibt, um Fahrgäste aufzunehmen, 
so gelangen wir köstlich ausruhend, schnell, angenehm und billig an das uns 
Vorgesetzte Ziel. Man wird müde bei den Wanderungen durch Venedig, bei 
welchen man sich immer um seine eigene Achse dreht, im endlosen Kreise; bereits 
bekannte Strassen abzulaufen, hat ausserdem keinen Sinn. "Unsere Schuhe sind 
durchgetanzt, wir laufen auf nackten Sohlen" heisst es im "Faust", und das ist 
auch unser Fall. 
Wo führt uns der kleine Dampfer hin? Den Canal entlang, zu San Giobbe, 
an das andere Ende Venedigs, knapp vor den Bahnhof, hinter welchem wir noch 
ein ganzes Stadtviertel zu absolviren haben. Wir erreichen nach zehn Minuten, 
zuweilen werden auch fünfzehn daraus, sobald viele Fahrgäste aus- und einsteigen, 
die Station San Geremia. Dort verlassen wir das Vaporetto und gehen schnur- 
gerade ein langes und für Venedig ganz ungewönlich breites, helles, sonniges 
Fondamenta entlang. In Anbetracht" dieses Umstandes haben wir auch eine späte 
Nachmittagsstunde gewählt. Wir beabsichtigen, einen Sonnenuntergang auf der 
weiten, von Bergen begrenzten Lagune zu schauen, aus der hier die Inseln Del 
Mezzo und Mestre mit den sie umgebenden Ortschaften in greifbarer Nähe aus
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.