Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Trachten
Person:
Hottenroth, Friedrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1903869
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1904673
stand, denn diese war reich an Thatkraft. Der Mantel von rechteckigem Zuschnitte wurde noch immer 
nach Art des alten Palliums angelegt (18.19). Gegen 1060 verwendete man zum Verschlüsse des Mantels 
statt des Knopfes oder der Fibel ein glattes an seinen Enden bequastetes Band, welches an einem der 
Saume befestigt war und durch eine Schnalle am anderen Saume gezogen wurde. Die niederen Stände 
und selbst die Herren vom Adel, welche auf gute Sitte hielten, verblieben bei ihrer hergebrachten 
Tracht, zumal auch die Kirche die Neuerungen in der Mode als ein Zeichen von Sittenverderbnis 
bekämpfte. Die Arbeiter trugen den kurzen ROCk (13- ls), den sie entweder in die Hosen unter- 
Steekren (18.14), oder mit den aufgenommenen Schössen unter dem Gürtel befestigten. Soweit die Nor- 
mannen wohnten, blieben die kurzen Kniehosen üblich (18. 14), in der Mitte von Frankreich aber und 
vorzugsweise, wie es scheint, um Bourges herum, die langen Hosen. Am Portale der dortigen Kirche 
von St. Ursin finden sich die Monate als Arbeiter dargestellt, darunter die Figuren des Mai und 
August, einen Mäher und einen Drescher, in kurzen Röcken und weiten bis auf die Knöchel fallen- 
den Hosen (Fig. 8. 13). Es sind dies noch die alten gallischen Hosen, welche erst im Anfange des 
12. Jahrhunderts verschwanden. Schon am Ausgange des 11. Jahrhunderts wurden die Hosen zum 
Teile von knappanschliessenden langen Strümpfen verdrängt, welche man mit Riemen an den Gürtel 
festknüpfte (18. 16). Selten begegnen uns in den farbigen Darstellungen jener Epoche die Männer 
mit völlig nackten Beinen; diese zeigen sich fast immer gefärbt und zwar in Weiss, Grün, Gelb, 
Rot oder Blau; nur arme Leute in abgelegenen Gegenden entbehrten der Hosen (18. 13. 20), und 
die Schiffszieher wateten, wie dies der Bayeuxer Teppich beweist, mit völlig nackten Beinen durch 
das Wasser (Fig_ S,  Arme Leute trugen Sandalen an den Füssen (18. 20) oder niedere Schuhe, 
die sie verschnürten, oder geschlossene Schuhe mit hohem Fersenstücke, welches das Einschlüpfen 
des Fusses erleichterte. Unter den Landbewohnern kam damals ein Strumpfzeug ohne Füsse in Auf- 
nahme, welches mit einem Knöpfe oder einer Schnalle an die Schuhe befestigt wurde. Unter den 
höheren Ständen gab es Schuhe von mannigfacher Gestalt. Neben denSchuhen mit hohem Fersen- 
stücke fanden die altgewohnten Schuhe mit langen Riemen, welche um die Unterschenkel gewickelt 
wurden, wieder grössere Verbreitung; die Riemen waren aus kostbaren Schnüren zusammengedreht; 
ihre Mode verschwand erst im 13. Jahrhundert, um nicht wieder zu erscheinen. Ausserdem gab es 
Schuhe, die in der Fussbeugc offen und vorn in eine aufwärts gebogene Spitze ausliefen. Die be- 
rüchtigte Mode der Schnabelschuhe nahm ihren Anfang; ein GrafFulko von Anjou oder Angers 
5011 dieselbe um 1089 aufgebracht haben. Der Graf hatte, wie die Ueberlieferung meldet, einen 
knolligen Fieischatiswtichs an der grossen Zehe des rechten Fusses; um diesen zu verbergen, bediente 
er sich eines Schuhzeuges, das von aussergewöhnlicher Länge und mit einer Spitze am vorderen 
Ende ausgestattet war. Diese Mode wirkte ansteckend; bald trug alle Welt und nicht bloss in 
Frankreich solche eigenartigen Schnabelschuhe oder nPigaschena, wie man sie nannte. wDiese 
Schuhen, äusserte sich ein Sittenrichter jener Zeit, nrichten sich wie Schlangenschwänze oder Skor- 
pionen in die Höhe und Schwanken und winden sich wie Widderhörneru. Dann fährt derselbe, die 
mit den Schuhen verbundenen Modethorhciten geiselnd, weiter fort; nAuch die Röcke der Männer 
schleppen jetzt nach; die Aermel sind so lang und weit, dass sie die Hände mit bedecken und ein 
mit diesem Uebeyfiusse Belasteter weder schnell dahinschreiten noch überhaupt etwas arbeiten kann. 
Vorn ist der Kopf dieser Eitlen geschoren, hinterwärts lassen sie die Haare wachsen wie die Huren 
und kräuseln sie mit Brenneisen; aus dem allen geht hervor, dass sie sich am Schmutze der Un- 
zucht erfreuen, wie die stinkenden Böcken Diese Ausschreitungen in der Mode, gegen welche sich der 
Zorn der Priester richtete, waren im Grunde genommen nur eine Rückwirkung gegen die klösterliehe 
Gebundenheit, in welche das Leben der früheren Epochen sich eingesponnen hatte; aus der Puppe 
war der Schmetterling hervorgegangen. Selbst die Kleidung der Werkleute folgte dem Zuge der 
Mode und zeigte sich nicht selten tibersäet mit sternförmigen Ausschnitten, durch welche die ab- 
stechende Farbe der Unterkleider hervorblickte. 
Die männliche Tracht des 11. Jahrhunderts war so völlig weibisch geworden, dass sie sich
        

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