Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Trachten
Person:
Hottenroth, Friedrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1903869
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1904658
Im 10. Jahrhundert, um die Zeit der "ersten Kapetinger und der ersten Feudalherren, 
bestand die männliche Tracht aus Hosen, Hemd, Tunika, Mantel und Fusszeug. Neben den 
üblichen langen altgallischen Hosen kamen weite aber kurze Hosen in Gebrauch, Welche nur bis 
zu den Knieen reichten und hier völlig offen waren (Fig. 8. 4). Der bretonische Bauer trägt heute 
noch diese weiten Kniehosen, die aus grobem Leinenzeuge gemacht sind; es scheint, dass dieselben 
besonders von den Normannen angelwmmen Wurden; denn man sieht Beispiele davon auf dem 
Teppiche von Bayeux (I8. ii), aber niemals auf anderen Denkmalen, welche den Küstenstrichen am 
Kanale angehören. Das Hemd, in der Volkssprache vChainseu genannt (der Ch., Wovon chemise), 
war zumeist von ungefärbtem Linnen (18. 13) und wurde in die Hosen untergesteckt; dasselbe ge- 
schah wenigstens unter den niederen Klassen auch mit der Tunika, welche in diesem Falle Ziemlich 
kurz war  ii); dieselbe hiess nBliauda (die Bl., wovon blouse). Bei Leuten von Stand stieg der 
Chainsc bis auf die Füsse (lH. 10. 11), die Bliaud bis über die Kniee herab; letztere wurde an der 
linken Hüfte ein wenig unter dem Gürtel heraufgezogen; ihr Schmuck bestand noch wie in römi- 
scher Zeit in Streifen, Rundscheibcn und Zwickeln, bei fürstlichen Tuniken aus Bchängen von 
Gold am unteren Saumc. Auch der Mantel wurde noch nach altgallischer Sitte in mittlerer Grösse 
aus streihgem oder sonst gezeichnetem Stoffe hergestellt und wie sonst mit Knöpfen oder Fibeln 
geschlossen. Die Mäntel reicher Leute waren gefüttert entweder mit andersfarbigem Zeuge (lS. in) 
oder mit den Fellen von Hcrmelinen, lVlardern, grauen Eichhörnchen und Vielfrassen, Ebengn 
wurde das Schuhzeug noch in alter Weise getragen und die Riemen von Fell oder grober Welle um 
die Unterschenkel gewickelt; doch begann man bereits die Schuhe nach vorn hin zuzuspitzen und 
sie mit Wichse zu glätten, auch für jeden Schuh eine andere Farbe zu wählen; selbst die Mönche 
reicher Klöster trugen grüne und himmelblaue Schuhe; unter den ärmeren aber blieb die Sandale üblich, 
die ein Fersenstück mit Oesen und durchlaufendem Binderiemen führte. Arme Leute gingen barfuss 
und selbst ohne Hosen. Die Sitte nach fränkischer Ueberlieferung das Kinn zu rasieren, hatte sich 
verloren; man trug den Bart in massiger Fülle (18. io), wie man es seit Jahrhunderten nicht mehr 
gesehen hatte. Auch das Haar, das man bis jetzt noch nach fränkischer Art kurz zu schneiden 
pßegte (18, m), begann einer seltsamen Modelaune zu verfallen. Das junge Voll; nlnnte nämhc], 
die Provenzalen nach, welche sich den Vorderkopf zu rasieren und den Rest des Haares dicht und 
flach in den Nacken zu streichen pflegten. Das war eine Neuerung, welche den Widerspruch (ler 
Leute vom alten Schlage herausforderte; umgekehrt liessen diese sich nun wie ihre Vorfahren im 
5. Jahrhundert, die Merowinger, den Hinterkopf rasieren, das Scheitelhaar aber in die Stirne fallen; 
so finden wir sie noch auf dem Bayeuxer Gobelin dargestellt (18. 14). Gesetzte Leute hielten sich von 
beiden Moden fern und verschnitten ihr Haar in altüberlieferter Weise. Häufig wird in den Zeit- 
berichten der Handschuhe erwähnt; dieses Kostümstück hatte eine symbolische Bedeutung gewonnen: 
den Handschuh darreichen bedeutete Unterwerfung, ihn vor die Füsse des Gegners werfen Heraus- 
forderung oder Vorladung vor Gericht oder Anspruch auf ein Stück Landes. 
Die beiden Hauptstücke des weiblichen Anzuges im 10. Jahrhundert führten gleich- 
falls die Namen Chninse und Bliaud. Der Schnitt des Unterkleides, des Chainse, blieb noch immer 
der gewohnte, das Oberkleid aber, die Bliaud, scheint sich in schwere Falten gelegt und nur locker 
dem Körper angeschlossen zu haben (19. 7); die kurzen Aermel, Welche seither üblich gewesen, ver- 
schwanden um die Mitte des Jahrhunderts; man liess die Aermel bis zum Handgelenke herab- 
steigen, entweder in gleichmässiger Weite oder sich nach vorn hin in Gestalt eines Trichters 
öffnend, so dass der zierliche Besatz des Chainse dem Auge begegnen konnte. Die Unterseite 
dieser Aermel endigte mit der Zeit in eine Spitze (Fig. 8. s), die sich immer mehr zu verlängern 
strebte. Die Bliaud wurde locker gegürtet und fiel bis auf die Füsse herab. Den Mantel pflegten 
die Frauen noch wie sonst von hintenher; über beide Schultern zu legen und mitten auf der Brust 
durch eine Agraffe zu schliessen; aber sie zogen ihn nicht mehr beim Kirchenbesuche über den Kopf, 
sondern bedeckten diesen nach Art der angelsächsischen Frauen mit einem Stücke Linnen, welches
        

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