Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Trachten
Person:
Hottenroth, Friedrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1903869
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1904468
wenigstens nicht in so ausgesprochener Weise dargestellt; es ist schwer zu sagen, ob es 'sich hier 
wirklich um ein besonderes Kleidungsstück handelt, oder nur um eine gesteppte Ausfütterung, 
welche das Kleid gegen den Druck der Büste widerstandsfähig machen sollte. Möglich, dass das 
Mieder sich aus der gesteppten Büste entwickelt hat und beide Kostümstücke üblich waren. Ein 
langer Gürtel wurde um die Hüften gelegt und vorn derart in einen Knoten geschlungen, dass die 
beiden Endstücke fast auf die Füsse herabfielen. Der Mantel war fast gänzlich durch das kurze 
Obergewand verdrängt worden (11. 2. 4. 21); wenigstens wurde er selten gleichzeitig mit diesem 
angelegt; er hatte seine Form nicht verändert; nur pflegte man ihn gegen die Mitte des Jahr- 
hunderts ohne weitere Befestigung über beide Schultern zu legen; beliebt war eine Fütterung des- 
selben mit Pelzwerk. Ausser dem Schleiertuche waren als Kopfbedeckung eine mehr oder minder ge- 
schmückte Rundkappe (11. 9) und eine aus Binden hergestellte Haube (11. 2) sowie auch eine der 
phrygischen ähnliche Mütze (11. s) üblich. Das Bestreben, die Körperformen zu zeigen, kam den 
Frauen von leichterem Blute sehr gelegen; diese trugen das knappanschliessende Obergewand sehr kurz 
und gegürtet, das Untergewand aber vom Leibe an aufgeschlitzt (11. s), um die allerdings mit Bein- 
lingen bekleideten Schenkel dem Blicke preiszugeben, eine Mode, welche die Geistlichkeit mit 
lauten Klagen beantwortete. Das Haar liess man entweder frei herabfallen (11. s. 9) oder scheitelte 
es in der Mitte des Kopfes, umwickelte jeden Teil futteralartig mit Bändern (11. 20) oder verflocht 
ihn zugleich mit den Bändern in zwei dicke Flechten, welche man vorn den Armen entlang herab- 
fallen liess (11. 23. 25). Je mehr die Tracht sich von den römischen Ueberlieferungen entfernte, 
desto mehr gewann die abendländische Welt das Aussehen eines grossen Narrenhauses. Der Grund 
zu jener buntscheckigen Tracht, welche im späteren Mittelalter den ehrsamen Bürger einem Hans- 
wurst unserer heutigen Kunstreiterbanden ähnlich machte, wurde im 11. Jahrhundert durch die 
sogenannte „geteilte Tracht" gelegt, jene Tracht, welche von rechts nach links in zwei Farben ge- 
teilt war. Schon im 12. Jahrhundert ging die Farbenteilung in die Schräge; auch begann man, die 
rechte Seite oben mit der linken Seite unten in Uebereinstimmung zu setzen und umgekehrt. 
Was nun den Herrscherornat anbetrifft, so stellt sich derselbe nach den abbildlichen 
Zeugnissen als eine Mischung von heimischen und byzantinischen Elementen dar: Eine Miniature 
zeigt uns den Kaiser Heinrich II. in zwei übereinandergelegten, halblangen Tumken mit byzan- 
tinischer Gürtelschärpe (11. s), mit Beinlingen, Schenkelbinden und kurzem Mantel. Auf anderen 
Bildern begegnet uns derselbe Herrscher in zwei bis zu den Füssen reichenden Tuniken (11. s. 12. 12), 
den Mantel aber nach alter Sitte auf der rechten Schulter mit der Agraffe geheftet. Die byzan- 
tinische Mode war, wenn auch im Volke, doch nicht an den Höfen spurlos vorübergegangen; dies 
wird durch die Tracht des Gegenkönigs Rudolf von Schwaben (11. v) bestätigt, dessen Bild uns auf 
ei-ner um 1080 verfertigten Grabplatte von Bronze im Dome von Merseburg entgegentritt. 
Selbst noch im 12. Jahrhundert erlitt der Schnitt der männlichen Kleidung im Ganzen 
genommen keine bedeutenden Veränderungen. Arbeiter und Handwerker behielten den kurzen 
Rock; die Tunika der vornehmen Leute aber wuchs, selbst wenn es deren zwei waren, die über- 
einander getragen wurden, bis zu den Füssen herab (11.10); da diese langen Röcke jedoch vielfach 
und vorzugsweise beim Reiten hinderlich waren, so wurden sie häufig vorn vom Ißibe an nach 
abwärts aufgeschlitzt, auch an beiden Hüften in die Höhe gezogen oder völlig aufgenommen und 
untergesteckt (ll. 10. 14). Ihr Schmuck war ein reicher Besatz am unteren Rande, am Halsausschnitte, 
sowie in der Mitte der Oberarme und an der Handwurzel; selbst wenn der Rock sonst unbesetzt 
blieb, fehlte nicht der doppelte Besatz auf den Aermeln. Eine andere damals übliche Verzierung 
der Röcke bestand in grossen Laschen, in welche man den unteren Rand zu zerteilen pflegte 
(11.15). Die Beinbekleidung erfuhr keine Veränderung, ebensowenig der Mantel, doch scheint 
der rechteckige Mantel nahezu ausser Gebrauch gekommen zu sein. Der Mantel wurde um diese 
Zeit weniger auf der Aussenseite durch Besatz als innen durch eine Fütterung mit verschieden- 
farbigem Pelzwerke ausgestattet. Auf der Jagd trug man statt des hinderlichen Mantels ein „Pirs-
        

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