Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Trachten
Person:
Hottenroth, Friedrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1903869
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1905332
nähte man die farbigen Puffen besonders auf, schob fein gefältelte Krausen zwischen dieselben ein 
und ersetzte die über die Hände fallenden Stücke gleichfalls durch Krausen. Trotz der Vermehrung 
von Puffen und Schlitzen blieb der Aermel im Schnitte gerade und wechselte nur in der Länge 
und Weite. Brust und Rücken des Leibchens wurden gleichfalls geschlitzt und gepufft. Die überaus 
tiefen Ausschnitte des Leibchens vorn und hinten dauerten fort; sie stiegen bis unter die Brust 
und selbst bis auf den Gürtel herab, entweder viereckig oder in ein- und mehrfach geschweiftem 
Bogen; ja man liess, wie bemerkt, das Leibchen auf der Brust völlig offen und verband seine Ränder 
durch Nesteln; aber man mässigte die Entblössung durch einen Brustlatz, welcher die Oeffnung aus- 
füllte. Der Latz bestand aus einer steifen ziemlich dreieckig zugeschnittenen Unterlage mit einem 
Ueberzuge von feiner Leinwand, später von Sammet, Seide oder Brokat, zumeist weiss und mit Gold 
gestickt, immer aber von anderer Farbe als das Leibchen. Hierbei blieben Schultern und Nacken 
entblösst; um nun auch diese Teile gegen Frost und Sonne zu schützen, kam ein besonderes Gewand- 
stück auf, das man nKollera nannte. Das Koller war ein Schulterkragen mit stehendem Halskragen 
(48. 20. 54. n). Die Grundform des Kollers überschritt mehr oder minder einen Halbkreis; daS StüCk, 
welches den Hals umschloss, wurde mit dem Schulterstücke aus dem Ganzen geschnitten oder 
besonders angesetzt. Im erstern Falle (48.20. Fig. 23. 22) nähte man da, wo das Schulterstück in 
das Halsstück überging, kleine Doppelzwickel ein oder schnitt solche heraus und nähte die Ränder 
der Oeffnungen zusammen, wodurch das Kragenstück gezwungen wurde, sich in die Höhe zu richten. 
Im zweiten Falle (54. 9. Fig." 23. 20) bildete das Schulterstück nahezueinen Ring mit einem Ausschnitte; 
am Rande des Ausschnittes, da, wo derselbe in das Halsloch überging, trat rechts und links ein 
Zwickel hervor; zwischen-die Spitzen beider. Zwickel wurde ein schmales rechteckiges Zeugstück 
passendeingeschoben und festgenäht; dieses Stück bildete den Halskragen. Manßtrug indess das Koller 
auchiohne Halskragen (48. s. 1o),-wie sich denn Länge, Weite und Form des Kollers nach persönlichem 
Geseh-macke richteten. War- das Koller zum Schutze bestimmt, so liess man es über die Brust herab- 
steigen und hakte es am.Halse zusammen'(48. s); als-Schmuckstück'machte man es kürzer und 
hängte es einfach über die Schultern, ohne. es zu "schliessen. Man fertigte das Koller aus Seiden- 
zeug mit einem Besatze von Sammet oder umgekehrtyfütterte- es mit Pelz und verzierte es mit 
Stickereien; fürstliche Frauen trugen es von Brokat mit Hermelinfutter. Nach dem Jahre 1530 fing 
man an, den Ausschnitt des Leibchens zu verkleinern und seinen Saum über Brust und Schultern 
emporsteigen zu lassen. Damit kam der Brustlatz ausser Mode; man füllte den Ausschnitt mit dem 
I-Iemde, das feingefaltet, obenher mit Gold gestickt und gekraust war. Der steigende Saum des 
Leibchens trieb auch den Saum des Hemdes in die Höhe, so dass derselbe gegen die vierziger 
Jahre den Hals erreichte; er umschloss den Hals mit einer gestickten Borte und über der Borte 
mit einer schmalen Krause, welche an Kinn und Ohren stiess. Diese Krause wuchs mit der Zeit 
zur Grösse eines bescheidenen Mühlsteines heran. Das Koller war als Schutzkleid überflüssig 
geworden; gleichwohl behielt man es noch längere Zeit bei und bildete es zu einem kurzen Leibchen 
um (60. 11,13), ja in einzelnen Gegenden und namentlich am Rheine ging das Koller in die Volks- 
traeht über und behauptete sich bis in das 17. Jahrhundert hinein. 
Der alte Brauch, das Kleid beim Gehen und Tanzen an einer Seite aufzunehmen, währte, 
trotzdem das Kleid kürzer geworden, bis in die dreissiger Jahre fort. Aus diesem Grunde stattete 
man auch das Unterkleid nach Vermögen aus, entweder mit Pelzwerk oder mit breiten farbigen 
Zeugstreifen, die geschlitzt und unterpufft. Den Gürtel behielt man ebenfalls bei; dieser bestand 
entweder in einem einfachen Bande, das lose um die Hüften geschlungen und seitwärts oder hinten 
verschleift wurde (48. 11), oder aus einem Streifen von Leder sowie von Sammet mit Metallbeschlag. 
Vornehme Leute trugen Scharten- und Gliederketten, welche sie mit ihren Enden bis auf das Knie 
herabfallen liessen. Am Gürtel befestigte man eine Tasche nebst einem Bunde Schlüssel und einem 
Bestecke (Fig. 25. 14); dieseGegenstände wurden gewissermassen als Ehrenzeichen von den Frauen 
hohen und niederen Standes getragen. Die Tasche war häufig noch mit einer Anzahl kleinerer
        

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