Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kunst und Kunstgewerbe auf der Wiener Weltausstellung 1873
Person:
Lützow, Carl Friedrich Arnold Universal Exhibition <1873, Wien>
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1897234
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1902765
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ZEICHENs 
UND 
KUNsTUNTERRlCHT. 
das Linearzeichnen gelegt; in den Gymnasien ist dem Gegenstande zu wenig Zeit 
gewidmet, als dass er erfolgreich betrieben werden könnte. In den Mädchens 
schulen von Paris ist das Zeichnen wohl überall eingeführt, doch wird, bevor die 
Contouren hinreichend geübt sind, zu rasch zu Blumen, Landschaften etc. übers 
gegangen, was selbstverständlich dann in Spielerei und Dilettantismus ausartet. 
Ganz vorzügliche Leistungen waren dagegen aus einigen höheren Pensionats der 
Provinz ausgestellt, unter welchen die von Tionville, Toulouse, M0ulins, Rouen, 
Clermont, Reims und Besanc;on besonders hervorzuheben sind. 
Den Glanzpunkt der Ausstellung bildeten die Leistungen der Pariser Specials 
Zeichenschulen, worunter die von E. Levasseur und Lequien noch immer 
den ersten Rang einnehmen. Die Schüler1eistungen derselben fanden sich der 
,,Exposition de la ville de ParisU einverleibt, wo auch das treffliche Modell 
der Lequien7schen Schule ausgestellt war. Es werden bei Lequien. sowie in den 
meisten anderen MunicipalsZeichenschulen, alle Fächer des freien und linearen 
Zeichnens gelehrt und die Ausstellung der genannten Schule imponirte sowohl 
durch die künstlerische Vollendung als auch durch die Vielseitigkeit der Arbeiten. 
In der Wahl der Motive des 0rnaments ist in diesen höheren Schulen zwar noch 
nicht ganz mit dem Hergebrachten gebrochen; das Rococo treibt sein heiteres 
Spiel noch in ziemlich ausgelassenen Variationen und hat sich besonders in der 
Schule Levasseur7s noch erhalten. Neben diesem tritt aber schon mit ziemlicher 
Entschiedenheit die Renaissance in das Feld und mit den Vorbildern der classis 
schen Architectur kommen auch deren 0rnamentale Motive zur Anwendung. 
Weit näher der Antike hält sich das figürliche Zeichnen. Der Vortrag ist zwar 
durchgehend malerisch, dabei aber die M0dellirung keineswegs vernachlassigt 
und stets ist das Streben nach vollendeter Täuschung wahrnehmbar. Das Gefühl 
für die Wirkung von Licht und Schatten wird in den französischen Schulen in 
viel höherem Grade gebildet, als in den deutschen, in welchen das Hauptgewicht 
aus die Durclibildung der Form gelegt und der malerische Effect hintan gesetzt 
wird. 
Mit vorzüglichen Leistungen waren ausser den genannten noch die ecoles 
de dessin in der rue St. Bernard 20, tue dlAligre und der avenue d7Italie vers 
treten. Die ecole de dess1n der manusacture nationale des gobelins hatte sehr 
interessante Zeichnungen und Gobelinstudien ausgestellt. Von der ecole speciale 
d7architecture waren theils OriginalsArbeiten, theils Photographien nach solchen 
vorgelegt. Die ausgezeichneten Publicationen dieses Instituts sind bekannt. 
Aus den Pr0vinzsIädten lagen ferner treffliche Arbeiten vor von den ren0mmirs 
ten ecoles profess1one1les zu Rouen, St. Quentin, Havre, Ly0n und der 6cole 
industrielle de la ville de Lille. 
Gelegenheit ist in Frankreich überall und speciell in Paris dem Arbeiter ges 
geben, sich künstlerisch Zu bilden und die Regierung hat es Zu keiner Zeit 
versäumt, dahin zu wirken, dass die gegebenen V0rtheile auch sruchtbringend 
ausgenützt werden. Haussmann hat unter Napoleon zwar Vieles nach dieser 
Richtung gethan, aber Vieles galt es noch durchzuführen, als die verhängnisss 
volle Kriegskatasirophe einen gewaltigen Einschnitt in den Laus aller Dinge in 
Frankreich machte. Energischer noch als früher nahm jedoch das jetzige Minis 
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