Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kunst und Kunstgewerbe auf der Wiener Weltausstellung 1873
Person:
Lützow, Carl Friedrich Arnold Universal Exhibition <1873, Wien>
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1897234
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1902047
VERVIEI.FÄLTIGENDEN 
KUNSTE. 
 
 
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heute noch lebenden Stecher, als: IIenriquelsDupont, Jules und Alpli0nse Frans 
c;ois, Achille Martinet u. A. n1., blos durch ihre Abwesenheit glänzen. In Aus 
betraclit des unbestrittenen Rul1mestitels, welchen die neusranzösische stechen 
schule seit den Tagen WVille7s und Bervic,s geniesst, in gerechter WVcirdigung ihrer 
ebenbürtigen Weiterentwicklung durch einen so rüstigen Veteranen wie Henris 
quel, ist uns die Entsagu11g, welche die sranZösische Cominission hier geübt hat, 
völlig unverständlich. sie lässt sich eben nur aus den bereits obeii erusji11nte1i, 
ganz allgemeinen Gründen erklären. 
Die sranz6sische MalersRadirung ist es daher vor Allem, was unserer Bei 
wunderung sich darbietet. Die kleinen Blätter eines Leopold Flameng, eines 
ClaudesFerdinand Gaillard, eines Jules Jacquemart sind wahre Glanzpunkte 
der ganzen KunstsAbtheilung überhaupt. Wenn sie auch in der That nur Punkte 
sind im Vergleich zu den klastergrossen Götzen. der sogenannten salle carree, 
so ist doch wahrlich in dein kleinsten von ihnen mehr echte Kunst beschlossen 
als in so manchem Ungeheuer von geölter Leinwand. Freilich hätte es keiner 
XVeltausstellung bedurft, um die Gebildeten aller Nationen mit den spitzen der 
französischen Radirer bekannt zu machen. Ihre Arbeiten, meist Ziemlich kleinen 
Formates, sind schon durch ihre Publication bei gedruckten Werken, zumeist iii 
der ,,GaZette des BeauxsArtsU allgemein verbreitet. Ueber ihren hohen Kunsts 
Werth konnte man sich daher längst allerwärts ein Urtheil bilden, welches durch 
keine noch so bunt zusa.mniengewürfelte Auswahl ihrer Blätter eine Abänderung 
erfährt. Dieses Urtheil geht dahin, dass die moderne französifche Radirung in 
ihren erstei1 Vertretern die legitimste Nachfolgerin der l1olländischen im siebzehns 
ten Jahrhunderte ist. An den Mustern jener clafsischen Kunst hat sie sicli auch 
vor allen gebildet. Aeusserlich zwar scheinen ihre Meister aus der Descendenz 
der alten Pariser stecherscl1ule hervorzugehen, sie wissen auch den Grabstichel 
trefflich zu handhaben, ja sie beuten seine feinsten Mittel bis zum Raffinement 
aus. Flameng zum Beispiel nennt lich einen Schüler von Calamatta, seine Wies 
dergabe von Ingres7 ,,QuelleU und ,,AngelicaH, sein BildnifS der Kaiserin Joseiine 
nach Prud7hon gehören zu dem Zartesten und Stilvollsten, was der m0derne 
Grabstichel geleistet hat; die Modellirung des Fleisches mittelst freier Stichels 
punkte ist glücklich getroffen und hebt sich leiichtend aus der linearen Umgebung 
hervor. Doch treten schon diese Ausnahmen aus der Linie heraus, welche die 
strenge Zucht der alten Grabsticl1elsTechnik vorschreibt. Vergleicht man vollends 
die daneben stehenden spätern Arbeiten des Meisters, wie das Selbstbildniss von 
c,3uentin Latour, die Saskia Reinbrandt7s und Andere, so sieht man in dem grellen 
Gegensatz dieser breiten und freien Behandlung deutlich, wie aller Zusanimens 
hang mit den Traditionen der französischen stechekfchu1e abgebrochen ist, Aus 
dein Schüler Calamatta,s ist ein eifriger Nachfolger Rembrandt7s geworden, der 
es sogar versucht, das ,,HundertguldensBlattU des grossen Niederländers auf eigene 
Faust zu wiederholen. Der Strom von Farbe, der mit Delacroix und Genossen 
über die franz6sische Malerei hereingebrochen, hat eben auch die vervielfältigende 
Kunst mit sich fortgerissen. Ihre ti.ichtigstei1 jiingern Kräfte folgen nothwendig 
dem Zuge zum unbedingt Malerischen, der unsern Geschmack immer mehr bei 
herrscht. Sie sind selbst vor Allem Maler, wenn auch nur in Schwarz und Weifs. 
 
 
 
 
 
 
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