Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kunst und Kunstgewerbe auf der Wiener Weltausstellung 1873
Person:
Lützow, Carl Friedrich Arnold Universal Exhibition <1873, Wien>
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1897234
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1901222
 
PLASTIK 
UND 
MALEREI. 
blos durch die individuelle Charakteristik, fondern auch durch Farbe und Hals 
tung, durch das Stimmungsleben der winterlichen Scenerie Ausdruck verleiht. 
Das kleine Gemälde ,,Die GefchwisterU, halb Bildnifsgruppe, halb Genrebild, ist 
ein Juwel an Eleganz und Zartheit. Höchft anziehend ist das P0rtrait eines 
ltehenden kleinen Mädchens; nicht minder der kleine ,,FreibeuterU, ein Bube, 
der fich der gestohlenen Rüben freut, herzig in feinen Lumpen. Dazu kommt 
das neueste grofsere Werk von Knaus, eine Bauernberathung im Schwarzwalde. 
In rein malerifcher Beziehung möchte ich es dem l3egräbnifs nicht gleichstellen, 
der durchgehende TerrasdisSienasTon mit feinem röthlichsbräun1ichen Schimmer 
giebt der Haltung etwas C0nventionelles; dafür ist aber die Charakteristik von 
urfprünglichster Kraft und Lebendigkeit, die Zeichnung sämmtlicher Figuren bei 
ziemlich grofsem Mafsstabe feft iind meisterhaft, die Durcharbeitung jedes eins 
zelnen unter diefen originellen, fcharf ausgeprägten, kräftig aus der Mitte des 
Lebens gegriffenen Charakteren zeigt Knaus auf feiner vollen Hohe. Die 
fchwarzwälder Bauern in ihrer derben Tüchtigkeit, ihrem zähen Festhalten am 
Alten und Hergebrachten, ihrer Gewichtigkeit in Berathung der kleinsten Ans 
gelegenheiten, find nie wahrer gefchildert worden. XVie passen dabei die Mens 
fclien in ihre Umgebung, in das ländliche Zimmer mit den fchlechten Heiligens 
bildern, dem grünen Kachelofen, der Hiihnersamilie im Vordergrunde, l1ineinl 
Die Ausste1lung wies kein Gefchichtsbild auf, das eine fo tief gehende und 
wuchtige Charakteristik des Einzelnen, ein so lebendiges, drastischeS Ineinanders 
greifen aller Charaktere zeigte.  
Neben Knaus muss man stets B. Vautier nennen; durch fie beide nimmt 
Düfseld0rs in der Volksmalerei den ersten Platz ein. Nur feine ländliche Tanzs 
stunde, der Berliner Nationalgalerie gehörig, hing in der deutfchen Abtheilung, 
die übrigen Bilder fanden wir in dein Saale der Schweiz, aber ihre Stoffe find 
ebenfalls aus dem deutfchen Volksleben, aus dem Schwarzwalde, geholt und 
Vautierls ganze Richtung ist durch feinen engen Anfchlufs an das deutfche 
Kunstleben bedingt. Da sehen wir einen Landmann beim Advokaten, ferner 
ein stilles, ergreifendes Bild: ein Bauer mit feinem Töchterchen am Krankens 
bette der Frau, endlich das grofse figurenreiche Begräbnifs, das er im Herbst 
I871, gleichzeitig mit dem Bilde deffelben Gegenstandes Von KnauS, vollendet 
hat. Ein solcher Colorist, wie diefer, ist Vautier nicht, das ilt bekannt, und wir 
dürfen nicht erwarten, dafs, wie bei Knaus, aus der Farbe selbst die Seele des 
Vorgangs rede; dennoch ist das Bild durchaus harmonisch in der Durchführung 
und bei der reichen Gruppirung, bei der Fülle der Gestalten entfaltet sich hier 
eine folche Tiefe und Feinheit des Gemiithslebens, folche Verwerthung aller 
jener Momente des Ausdrucks, welche die Situation mit sich bringt, eine bis auf 
den Grund gehende Vertrautheit mit jenem VolkSstamm, dass man wohl fagen 
darf, fo vollständig und fo ineinandergreifend hat der Künstler uns alle diese 
Eigenschaften kaum jemals offenbart. An Innigkeit geht Vautier noch über 
Knaus, und bewundernswerth ist vor Allem die Befcheidenheit, mit welcher er 
feine Kenntnifs vom Empfindungsleben des Volkes zum Ausdruck bringt. Nicht 
nur den Gegenstand des Begräbnisses haben Knaus und Vautier hier gemein, 
auch den Volksstamm, der die Persönlichkeiten liefert, und fogar ein paar hers 
 
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