Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kunst und Kunstgewerbe auf der Wiener Weltausstellung 1873
Person:
Lützow, Carl Friedrich Arnold Universal Exhibition <1873, Wien>
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1897234
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1899695
  
DIE FRAUENARBEIT. j95 
Stoffe, der mit dem Kettenstiche durchzogen und eingerahmt ist, aufweilen. Da 
waren Stores in bunter Farbe, mit pompejanifchen Defsins, von heiterer, anmus 
thiger Wirkung, andere Weifs in Weifs, und noch andere, in welchen die Zeichs 
nung drapfarbig auf weifsem Untergrunde erfchien, und in denen ganz naturalii 
stifche Motive durch die Grazie, die Kühnheit der Zeichnung und durch die Eies 
 ganz des matten Farbentons eine feffelnde Wirkung hervorbrachten. Vögel, 
Blumen, Ranken wimmelten da durcheinander, Schilfgras, Waffer, felbst einige 
XsV0lkenc0nt0uren waren flüchtig in den Schleier des Untergrundes gezeichs 
net, alles so leicht, fo grazios, als wäre es in der Secunde entstanden, nicht die 
Spur der lastenden Hand, die daran geschaffen, war da in dem Bilde zu fehen, 
das auf dem durchsichtigen Untergrunde, wie in Luft und Licht hinein geZaus 
bert erfchien.  
Von anderer Art, aber ebenso gewinnend durch die Schönheit der Technik,  
durch Farbenwahl und durch Zeichnung waren die verschiedenen Portieren, die 
in sammt, Seide und Schafwol1e die reizendsten Verzierungen brachten. Da 
waren Deff1ns in feinen Seidenbörtchen, in Stickerei und Tambourarbeit auf Ats 
las ausgeführt, Lifieren und Arabesken in kühlen, sanften Farben, durch die hier 
und da ein goldener Faden blitzte; da waren breite, glühendrothe,Stoffb0rdüren 
an dunkle Vorhänge gefügt, und in dem prunkenden Stoff Figuren in Seide und  
sammt ausgeführt, in reicher griechischer Formenfchönheit, Amoretten und Ge. 
nien zwifchen Blumens und Fruchtgewinden, Arabesken und Ranken, alles so 
warm, fo stimmend in Farbe und Ausführung, dafs man über dem behaglichen 
Eindrücke den Prunk und die Pracht der Erfcheinung vergafs. An anderer Stelle  
waren in Schafwo1lftoffe, in Rips, fchmale Blumenränder mit farbiger Wolle tams 
bourirt, eine anfpruchslofe Verzierung, in leicht durchführbarer Technik, und 
doch ganz einzig im Effect. Die Franfen stimmten in Farbe und Licht mit dem 
Deff1n, der Untergrund war fo matt, dafs jedes Blättchen darauf zur Bedeutung  
kam, die Zeichnung war fo fchlank, fo leicht, fo flüchtig, dass jedes Blumenkopfs  
chen, jedes Blatt, jeder Halm aufwärts zu streben fchien, und f1ch dadurch, ohne 
aufdringlich zu sein, wie eine nothwendige Zier ergab, die da am Rande Platz 
finden mufste, um dem unfcheinbaren Untergrunde Reiz und Anfehen zu geben. 
solcher Schmuck, von Frauenhand ausgeführt, 1äfst fich in jedem Gemache in 
glücklicher Verwendung denken, da er durch einfache Schönheit mit jeder Ums 
gebung itimmt. 
schwerer durchführbar als diefe Decorationsarbeiten, von künstlerifchem 
WVerthe in Technik und Zufammenstellung, zeigten fich die Stickereien, welche 
Frankreich auf Kleiderstoffen und auf Kirchenparamenten ausgestellt hat. J. A. 
Henry aus Ly0n hatte darin Unübertreffliches gebracht, il1 Wahl des Colorits, in 
ernster Pracht, in reizenden Motiven; desgleichen hatten Tafsinari und Chg,. 
tel Stickereien auf braunem Sammt und auf lichtblauer Seide ausgestellt, von 
denen die ersteren durch warme Farbenfchönheit:, die letzteren durch ganz unbe. 
fchreibliche Zartheit ausgezeichnet erfcl1iCUe11. WL1nderbar fchön zeigten lich 
mannigfache stickereien in Seide und Atlas auf Kleiderstoffen ausgeführt, darunter 
Blumen von fchimmernder Schönheit, Blüthenranken, bemooste Baumzweige, 
Knospen in fchwarzem Seidenstoffe, mit f11b6M6n Fäden durchzogen, alles mit 
 
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