Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kunst und Kunstgewerbe auf der Wiener Weltausstellung 1873
Person:
Lützow, Carl Friedrich Arnold Universal Exhibition <1873, Wien>
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1897234
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1898646
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KUNSTGEWERBE. 
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recht; im Uebrigen erscheint alles nur wie bewufstl9se Durchführung ererbter 
Traditionen und oft in sehr liederlicher Ausführung. Was gut daran ist, das ist 
eben das von den Vätern Ererbte. Heute steht auch die orientalische Kunst 
vor einer Reform, vor einer zum Theil beabsichtigten Wiederbelebung oder Ums 
Wandlung; aber wie die eur0päische Kunstindustrie eine orientalische Frage hat, 
so sieht die 0rientalifche ihrerseits vor sich eine europäische Frage. Nicht blofs, 
dass es europäifche Künstler sind, franz6f1sche wie auch deutsche, welche sie in 
Cairo, Constantin0pel, Smyrna regeneriren wollen, nicht bloss, dass ihr die 
modernen Anilinfarben zu schaffen machen, der gebildete Türke europäif1rt sich 
jetzt in Leben und Sitte und muss daher auch in feiner Wohnung in dem Kampfe 
zwischen europäischer und orientalischer Aussiattung einen Ausgleich eingehen. Schlas 
gend erkennen wir das in dem türkifchen W0hnhaus auf der VVeltausftellung. 
Man muss das Wesen der orientalischen Kunst mit Bezug auf die Wohnung, 
auf den Privatbau in zweierlei Eigenschaften suchen: einmal darin, dass das 
Aeussere gegenüber dem Innern vernachläss1gt wird, dass der innern Au8Ptattung 
und Decoration zugute kommt, was man an Schmuck und Glanz zu verwenden 
hat, und zum zweiten darin, dass die Decoration, der Figur und Plastik ents 
sagend, lediglich farbige Decoration der Fläche ist; wo erhöhtes Ornament aus 
der Grundfläche heraustritt, da ist es eigentlich nur scheinbar plaftifch, weil es 
mit feinen Höhen wieder in der gleichen Ebene liegt. Die erstere Eigenschaft 
begreift Ach leicht aus der Art des häuslicl1en Lebens, aus der Abgesch1osfens 
heit der Frauen und des Hauses überhaupt. Beides, die Einkehr der Kunst und 
die Abfperrung von Frau und Haus, kann seit den Zeiten der glänzenden Chas 
l1sate von Bagdad und Cordova nur immer gewachsen fein; denn die Schilderuns 
gen, die uns von dem Leben der arabifchen Ritterschaft, von den Paläsien und 
Villen gemacht werden, setzen eine weit grössere Freiheit, weit mehr Aeussers 
lichkeit voraus, als wir sie heute oder während der letzten Jahrhunderte im Orient 
finden. Es war auch mit der zweiten Eigenschaft der orientalischen Kunst nicht 
anders, nicht so, als ob die Araber jemals eine blühende Sculptur in unserem 
Sinne besessen hätten; aber der Islam hatte im Mittelalter und noch während 
des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts im Reiche von Granada weit 
weniger die Scheu vor der Darstellung der menschlichen und thierischen Gestalt,.s 
als sie heute im ganzen türkischen Reiche und bei allen orthodoxen Muhammes 
danern allgemein ist. Die ketzerischen Perser machen eine Ausnahme, ohne es 
in ihren kleinen sigür1ichen Malereien weit gebracht zu haben.   
So haben wir denn unsere Phantasie ein wenig einzuschränken, unsere Ers 
wartungen zu dämpfen, wenn wir an das ,,orientalische ViertelU herantreten, das 
uns in der Weltausstellung erbaut worden. Im Abendfonnenlicht liegt es allers 
dings reizend da mit seinen warmen Farben und seiner zum Theil phantastischer oder 
bewegter Gestaltung, umfaumt vom grünen Walde; aber wenn wir das Einzelne 
mustern, wenn wir es namentlich aus die Frage der Aechtheit prüfen, so geht es 
nicht ohne Täuschung ab. VVir thun immer noch besser, uns mit Hülfe dessen, 
was uns Perf1en, die Türkei, Egypten, Tunis und Mar0kko an 0riginalgegens 
ständen gesendet haben, das Bild des 0rients, minde1Xens gesagt, zu ergänzen 
und zu berichtigen, als jenen Bauten allZuviel Vertrauen zu schenken. 
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