Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Kunst des Mittelalters, der Renaissance und der Neuzeit: Renaissance und Neuzeit
Person:
Kraus, Franz Xaver
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1892262
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1893249
Buch. 
Einundzwanzigstes 
 
und selbst hinter S. Peter, hinter den Malereien Duccio's und Fra Angelicds 
ebensoweit zurück, als die eleganten Epigramme Maffeo Barberinis und Sauna- 
zaro's hinter dem ,Dies irac" oder dem ,Stabat mater" zurückbleiben, ebenso- 
weit, wie die ,Devotion aisee' hinter der Nachfolge Christi zurücksteht. 
Einwirkung Ueber die Einwirkung der Kirche auf die Renaissance ist Vieles ge- 
schrieben worden; fast Niemand dagegen hat die Frage gründlich angefasst 
kirchliche und erörtert, welchen Einiiuss denn die Renaissance auf die Kirche, auf deren 
Lebe" Theologie, auf den Betrieb der kirchlichen Wissenschaft geübt hat. Darüber 
kann ja kein Zweifel sein, dass die humanistische Bewegung für die kirchen- 
historische Kritik (durch und seit Lorenzo Valla), für die biblische Einleitungs- 
Wissenschaft (seit Santes Pagnini) die ersten Grundlagen gelegt hat. Insgleichen 
kann nicht bestritten werden, dass die Drucklegung der kirchlichen Quellen- 
schriften durch die Humanisten erst die Entstehung der gesammten historischen 
Theologie ermöglicht hat. Bibelkritik und Patristik gibt es erst seit jenen 
Tagen. Aber auch die systematische Theologie blieb nicht ohne starke Be- 
einflussung durch die neue Bewegung. Sehen wir von Cortese und den 
Theologen des ausgehenden 15. wie des beginnenden 16. Jahrhunderts ab, so 
stehen Erasmus und Reuchlin auch als Leuchten eines theologischen Wissens 
da, welches von dem Humanismus total durchtränkt ist. Der grosse Erneuerer 
der theologischen Methode im 16. Jahrhundert, Melchior Cano (gest. 1560), 
hat in seinen ,Loci theologici" die Nothwendigkeit einer patristischen Funda- 
mentirung der Dogmatik vorgelegt, an welche ohne das Werk der Humanisten 
nicht hätte gedacht werden können. Aber auch die theologische Speculation 
ward in ihrem innersten Heiligthum von dem freiern Zuge ergriffen, welchen 
die Renaissance der Menschheit zugebracht hatte. Es muss hier den Theologen 
überlassen bleiben, zu beurteilen, 0b mit dem Molinismus eine rationalistische 
Tendenz in die Gnadenlehre hineingebracht wurde: sicher ist, dass die stärkere 
Dielmma- Betonung der menschlichen Willensfreiheit ganz im Sinne der Renaissance 
 war und auf die Wegräumung dessen hinausging, was man  mit Recht oder 
Unrecht  in dem augustinisch-thomistischen Gnadenbegriff als eine Ver- 
kümmerung der menschlichen Freiheit ansah. Man mag die ßcientia media" 
und mit ihr das gesammte System des Molinismus und Congruismus verwerfen, 
aber man kann doch nicht leugnen, dass wie einst Duns Scotus so auch die 
Jesuiten des 16. und 17. Jahrhunderts in ihrem Kampfe gegen den stricten 
Thomismus ein wissenschaftliches Interesse vertraten. Von viel grösserer Be- 
deutung noch war für die gesammte Cultur- und Geistesgeschichte der Mensch- 
heit, dass das humanistische Gymnasium, wie es Johannes Sturm in Strassburg 
begründet hatte, durch Claudias Aquavivas ,Ratio studiorum' (1584) für den 
Unterricht der Gesellschaft Jesu die Grundlage gab. Die Begründung des 
gesammten höhern Schulwesens auf die classischen Studien ist jedenfalls das 
bedeutsamste, wichtigste und heilsamste Erbe, was uns von der Renaissance 
geblieben ist. Man mag und darf den Sieg des Latinismus über die nordischen 
Baustile beklagen, man mag das Zurückweichen des germanischen Rechts vor 
dem römischen und das Aufkommen des antiken Casarismus im Hinblick auf die 
bürgerlichen Freiheiten der nordischen Nationen für ein unermessliches Unheil 
halten  sicher ist, dass die classische Bildung in einer Zeit, wo die Einheit 
der Kirche zerfiel, der abendländischen Welt ein Schutzdach und ein Mittel 
geistiger Vereinigung geworden ist, ohne Welches wir in die Barbarei zurück- 
 gefallen und den Faden verloren hätten, welcher die Gegenwart mit der Cultur 
der Antike und zugleich mit den Anfängen des Christenthums verbindet.
        

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