Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Kunst des Mittelalters, der Renaissance und der Neuzeit: Renaissance und Neuzeit
Person:
Kraus, Franz Xaver
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1892262
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1893225
Buch. 
Einundzwanzigstes 
herausführte. Man kann es eine providentielle Fügung nennen, dass diese 
Erweiterung und Erhebung des Gesiehtskreises fast genau zusammenfallt mit 
der Entdeckung der neuen Welt, und dass sie dem Protestantismus voransging. 
Die Päpste der Renaissance unterliegen seit den Tagen Luthers einer 
harten Beurteilung: bei den Theologen vorab, welche dies Papstthum nicht 
auf der Höhe seiner religiösen und sittlichen Aufgabe finden. Man kann ihnen 
nicht Unrecht geben; aber man darf nicht glauben, der Weltgeschichtlichen 
Bedeutung des Renaissance-Papstthums gerecht zu werden, wenn man sich an 
das Privatleben dieser Fürsten hält und die Scandalchroniken der Zeit mit der 
Geschichte verwechselt. Leopold v. Ranke hat in seiner Weltgeschichte 
die Bedeutung des Imperiums und der Cäsaren des ersten Jahrhunderts dar- 
gestellt, ohne sozusagen ein Wort für den Klatsch übrig zu haben, mit dem 
uns Suetonius beschenkt hat. Die Schwächen des Privatlebens kommen für 
die geschichtliche Evolution bei so grossen Institutionen wenig oder gar nicht 
in Betracht; wer den Blick von dieser Misere nicht erheben kann, wird die 
geschichtliche Stellung des Renaissance-Papstthums so wenig verstehen als 
der geniale sächsische Bauernsohn, der kopfschüttelnd und ergrimmt Rom 
1511 verliess, um die Hälfte der Christenheit von dem Pontiiieate loszureissen. 
Die grossen Porträtmaler der Renaissance haben es meisterhaft ver- 
standen, die Menschen, welche ihr Pinsel zu schildern hatte, in den besten 
und glücklichsten Momenten ihres Daseins zu erfassen. Von der historischen 
Kunst ist ein Gleiches zu fordern. Wer den Anspruch auf Meisterschaft in 
der Geschichtschreibung erheben will, hat über die Zufälligkeiten und Schwachen 
der irdischen Erscheinungswelt hindurchzudringen, um den Funken des Geistes 
zu erkennen und den idealen Gehalt wahrzunehmen, der in den besten Augen- 
blicken einer Existenz der ausschlaggebende Factor gewesen ist. Auch die 
Päpste der Renaissance haben das Recht, zu erwarten, dass der Historiker 
nicht ungeschickter sei als der Maler. Auch sie wollen von ihrer besten und 
glücklichsten Seite aufgefasst werden, und das war zweifellos das Mäcenaten- 
thum in der Kunst, in welchem keine weltliche Dynastie etwas aufzuweisen 
hat, was mit der Epoche zwischen 1450 und 1530 vergleichbar ist. Die 
Grösse des Papstthums jener Zeit war, dass es die Führung der europäischen 
Menschheit auf dem ästhetischen Gebiete übernommen und glorreich durch- 
geführt hat. 
Das Programm, welches Iulius II in der Camera della Segnatura der 
Welt vorgestellt hatte, hatte Italien retten und dem katholischen Princip, 
welches im Norden längst ins Wanken gerathen war, den Sieg erhalten 
können; aber es kam zu spät. Die Verweltlichung des Klerus, das Ueber- 
wuchern politischer und irdischer über die religiösen Gesichtspunkte, die un- 
würdige Vertretung der höchsten geistlichen Autorität durch Männer wie 
Alexander VI, die damit erzielte Verwirrung und Schädigung des öffentlichen 
Gewissens  alles das hatte die Corruption auf der einen, den Skepticismus 
auf der andern Seite zu höchster Entfaltung geführt. In Italien gab es die 
sittliche religiöse Macht nicht mehr, welche dem Strom des Verderbens ge- 
bieten konnte. 
Das leoninische Zeitalter zehrte von den grossen Erinnerungen der Tage 
Iulius' II. Wir werden zuzusehen haben, ob der ,Augustns' des Papstthums 
diesen Titel verdient, den ihm, energischer als früher, die Gegenwart ab- 
streitet. Er sah den Hingang Lionardds und Raffaels, wie er denjenigen 
Bramantes schon gesehen hatte. Unmittelbar nach dem Tode dieser Männer
        

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