Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Kunst des Mittelalters, der Renaissance und der Neuzeit: Renaissance und Neuzeit
Person:
Kraus, Franz Xaver
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1892262
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1893162
Buch. 
mdzwanzigstes 
von den geiiüchteten Mediceern preisgegebenen Bibliothek Lorenz0's trugen, 
müssen ihn und S. Marco vor dem Vorwurf des Obscurantismus schützen1. 
Sein Widerspruch wendet sich gegen die lascive Litteratur der Alten wie 
der Jungen; gegen die Verderbniss der zeitgenössischen Kanzelberedsamkeit, 
welche sich nicht mehr auf die Heilige Schrift und die Vater, sondern auf 
Cicero und Aristoteles, Seneca und Virgil stützt. Aber es lässt sich nicht 
verkennen, dass der Eifer über diese Verweltlichung der Predigt, über das 
Ueberwuchern der Antike an heiliger Stätte, über das Verlassen der grossen 
Gedanken des Christenthums zu Gunsten einer Repristination des heidnischen 
Gedankens und heidnischer Sitte den gewaltigen Reformer zu weit führte und 
ihn das übersehen liess, was die Renaissance und der Humanismus doch der 
menschlichen Cultur an bleibendem Gewinn zubrachte, und dass er in theolo- 
gischem Uebereifer das Wesen der Renaissance verkannte, indem er die 
Wiederbelebung des Alterthums im Gegensatz zum Christenthum als den Kern 
derselben ansah. Für die Renaissance als die ,Vita Nu0va' des eigenen Volkes 
hatte der Mönch von S. Marco kein Verständniss. Seine eigene, in Weh um 
den Ruin der Kirche vertrauerte Jugend hatte ihm die Augen darüber nicht 
zu öffnen vermocht, dass das frische Leben der Jugend doch das höchste Gut 
einer Nation sei; er wollte sein Volk schon alt, um Früchte reifen zu sehen, 
je eher, desto lieber. So sah er nicht, dass hinter den beklagenswerthen 
Auswüchsen, welche die Bewegung mit sich gebracht, hinter den Extravaganzen 
und Excessen der Enfants tewibles des Humanismus doch ein befruchtender 
Keim lag, der in seiner ersten Entfaltung bereits höchster Genuss der Nation 
geworden und bestimmt war, sich, in die richtigen Bahnen geleitet, zu Grossem 
zu entwickeln. Indem Savonarola dies nicht sah, verlor er die Fühlung mit 
dem Pulsschlag der Nation: des ästhetischen Gefühls zu sehr entrathend, um 
sich über die Gegensätze hinaus zu heben und sich die innere Freiheit zu be- 
wahren, überliess er in seinem Sturze Italien dem Zusammenstoss dieser 
Contraste, der zu heftig war, als dass das conciliatorische Programm Iulius' II 
der Geister auf die Dauer Herr zu werden vermochte. 
Fassen wir, ehe wir uns mit diesem beschäftigen, in kurzen Worten das 
zusammen, was über das innere Verhältniss der kirchlichen Kreise zu der 
neuen künstlerischen Bewegung im 14. und 15. Jahrhundert zu sagen ist. 
Heutige Be- Es stehen sich auch hier, in der Beurteilung der geschichtlichen Lage, 
 zwei Ansichten gegenüber. Lassen wir die älteren Verfechter derselben bei- 
Müntz. seite, so sehen wir in Müntz und Gebhart die hauptsachlichsten Vertreter 
Gebhart" der Meinung, dass von 1300 bis zu Paul IV und dem Concil von Trient ein 
im ganzen vollkommener Accord zwischen der Kirche und dem italienischen 
Volksgeiste bestanden und voller Friede beide Elemente verbunden habe. 
Das Christenthum der Italiener, meint Gebhart, beruht weit mehr auf dem 
Gefühl als auf dem Dogma; es lässt den Geist sehr frei, weil es sich weit 
mehr an das Herz als an den Verstand wendet und darum den Operationen 
des letztern grössern Spielraum gewährt  ,Die Renaissance, fahrt Geb- 
l Man vergleiche dazu SAvonnnoLys Ab- 
handlung ,De divisione ac utilitate omnium 
scientiarum' (Ven. 1534; vgl VILLARI Sav. 
12110), Welche sich gegen den ihm gemach- 
ten Vorwurf einer verächtlichen Schätzung 
der Philosophie und Poesie wendet; dann 
,Triumph. Crucis" an verschiedenen Stellen, 
wo zugegeben wird, dass auch die heidni- 
schen Gesetzgeber und Philosophen Wahres 
und Gutes enthalten, was zu verwerthen ist. 
Ueber das Verhältniss der antiken Philo- 
sophie zum Christenthum verbreitet sieh 
Savonarola daselbst eingehender (I c. 2. 12: 
IV c. 2).
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.