Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Kunst des Mittelalters, der Renaissance und der Neuzeit: Renaissance und Neuzeit
Person:
Kraus, Franz Xaver
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1892262
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1893076
Begriül 
Natur 
constitutive 
Elemente 
Renaissance. 
Es ist weiter zu erörtern, welchen Einiiuss die Kirche auf diese doppelte 
Bewegung geübt, aber auch anderseits, welchen Einfluss die Renaissance und 
der Humanismus ihrerseits auf das kirchliche Leben und Denken gewonnen 
haben. Gerade diese letztere Frage ist bis jetzt so gut wie gar nicht zur 
Erörterung gestellt worden. Aus dem Studium beider wird sich herausstellen, 
was über die ,Kirchliehkeit' von Renaissance und Humanismus, Renaissance- 
Kirchenstil und classischen Studien zu halten ist: alles Dinge, über die meist 
mit weit mehr Eifer als Verstand verhandelt worden ist. 
In ihrem Gange durch die Jahrhunderte hatte die Kirche zu wiederholten 
Malen Anlass, neu auftretenden geistigen Bewegungen gegenüber Stellung zu 
nehmen. Ueber solche Bewegungen, ihren Werth und ihre Zulässigkeit war 
das Urteil der Schulen oft schnell bei der Hand; das der kirchlichen Kreise 
oft sehr verschieden, schwankend, im Wechsel der Zeiten selbst nicht selten 
sich widersprechend. Die Kirche selbst hatte stets den Grundsatz gehabt, 
solche Dinge sich abklären und reifen zu lassen. Geduld und Ruhe waren 
die Signatur ihres Verhaltens: Joafiens guia aeternuä sagte Augustin von 
ihrem Urheber  ,patiens guia- aeterna' war ihr Motto in der Behandlung 
so grosser Fragen. 
Schon im 4. Jahrhundert, nachdem der Sieg des Ohristenthums über den 
Paganismus durch Constantin entschieden war, erhob sich die grosse Frage, 
welche Position die Kirche der classischen Bildung gegenüber zu nehmen 
habe. Damals retteten die kappadocischen Väter diese Bildung für sich und 
die Ihrigen. Die Schutzschrift des hl. Basilius zu Gunsten des Studiums der 
heidnischen Litteratur hat im 15. Jahrhundert Lionardo Bruni (um 1405) ins 
Lateinische übertragen und Salutato gewidmet, der sie den die Dichter 
Griechenlands befeindenden Mönchen entgegenhielt. Sechs Jahrhunderte später 
erregten sich in der mittelalterlichen Kirche die Geister, als ihnen von Spanien 
aus, durch die Araber, Aristoteles zugeführt wurde. Der grosse Heide fand 
in den kirchlichen Kreisen anfänglich eine kühle Aufnahme. Der Missbrauch, 
den einige Lehrer mit ihm trieben, und die Tingirungen der lateinischen Ueber- 
Setzungen, durch den arabisch-jüdischen Pantheismus, wie er in Spanien 
herrschte, liössten tiefes Misstrauen ein; Pariser Synoden von 1210 und 1215 
verboten die ,Physik' und ,Metaphysik' des Stagiriten, während diese Bücher in 
Toulouse schon 1223 mit Zustimmung der kirchlichen Behörden erklärt wurden. 
Alberts d. Gr. Auctorität machte Aristoteles zum Lehrmeister des Abendlandes, 
aber noch Thomas von Aquin musste sich zweimal posthume Censuren ge- 
fallen lassen. Seit dem Beginn der Neuzeit sind zwei neue Bildungselemente 
aufgetreten, die Naturwissenschaften und die historische Kritik: auch ihnen 
gegenüber haben sich die kirchlichen Kreise, wie die Verurteilung Galilefs, 
dann die Freigebung des Copernicanischen Systems und zahlreiche Vor- 
gänge bis zur neuesten Zeit beweisen, sehr wechselnd und nicht immer 
glücklich verhalten. Noch steht der grosse Ausgleich zwischen diesen 
geistigen Mächten der Gegenwart und dem kirchlichen Princip auf mehr 
als einem Punkte aus. Der Renaissance gegenüber ist das Verhalten der ver- 
schiedenen kirchlichen Kreise und Factoren nicht minder Wechselnd, schwankend 
und auf manchen Punkten unsicher gewesen. Solche Unsicherheiten sind 
sehr erklärlich. Neue geistige Bewegungen lassen sich nicht von vornherein 
in ihrem Verlauf übersehen; sie entdecken oft erst nach längerer Zeit ihren 
wirklichen Charakter. Es gibt Vorgänge im Organismus des Körpers wie 
der Gesellschaft, welche sich erst nach einer gewissen Zeit als Krankheiten 
Kraus, Geschichte der christl. Iiunsii. I1. 2. Abtheilung. 5
        

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