Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Kunst des Mittelalters, der Renaissance und der Neuzeit: Renaissance und Neuzeit
Person:
Kraus, Franz Xaver
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1892262
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1893065
Einundzwanzigstes Buch. 
sympathisch, was den Didron und Reichensperger als heidnisch und natura- 
listisch zuwider war. Der Aufschwung, welchen der gothische Kirchenbau 
unter den Händen genialer Architekten, Wie Schmidt, Statz und Hase, ge- 
nommen, kam der Sache der Gothiker lange Zeit in der öffentlichen Meinung 
zu gute. Aber soviel sich zu ihren Gunsten sagen liess  und Wir werden 
seiner Zeit nichts davon ungesagt sein lassen  einer umfassendern, freiern 
und wirklich geschichtlichen Betrachtung gegenüber erwies sich diese These 
nicht als haltbar. Auch in kirchlichen Kreisen erstanden ihr höchst sach- 
verständigc Gegner, deren Urteil auf tieferm Studium und einer weit aus- 
gebreitetern Kenntniss namentlich der italienischen Denkmäler beruhte. Selbst 
die einst so geringschätzig behandelten Zeiten der Spätrenaissance und des 
Barocco gelangten wieder zu Ehren 1, und es kam schliesslich dazu, dass nun 
sogar die Renaissance als die eigentliche kirchliche und die Gothik fast als 
eine unkirchliche Kunst proclamirt wurde 2. Die neueste Phase des Streits 
spielt sich wieder in Frankreich ab, wo zwei geistvolle Kenner des Quattro- 
cento den Import der Renaissance nach Frankreich als Verhängniss erklärten 
und sie als Ursache an dem Untergange der nationalen Kunst von neuem an- 
klagten 3. Wir sparen die Erörterung dieser Frage für den Abschnitt unseres 
Buches auf, welcher sich mit der deutschen und französischen Renaissance 
zu beschäftigen hat. Bleiben wir zunächst bei der italienischen stehen. 
Hinsichtlich dieser italienischen Renaissance hat sich endlich eine mittlere 
Ansicht erhoben, welche zwischen einer guten christlichen und einer falschen 
paganisirenden Richtung unterscheidet und bemüht ist, der erstern auch vom 
kirchlichen Standpunkt volle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen 4. 
 Wir wahren, allen diesen Versuchen gegenüber, auf vielen Punkten das 
Recht unserer eigenen Ueberzeugung, wie sie sich uns aus dem doppelten 
Studium der künstlichen und der kunstgeschichtliehen Entwicklung ergibt. 
Indem wir dieselbe darzulegen uns anschicken, müssen wir zunächst freien 
Tisch machen. 
Es muss vor Allem betont werden, dass die Frage nach dem Verhältniss 
der Kirche und des Christenthums zur Renaissance nicht identisch ist mit 
derjenigen nach dem Verhältnisse der Renaissance und des Papstthums zwischen 
Nikolaus V und Paul IV. Die Frage ist auch nicht identisch mit derjenigen 
nach dem Verhältniss der Kirche zum Humanismus. 
Es ist vielmehr zu unterscheiden: erstens die principielle Stellung 
des Dogma's zu dieser doppelten cultur- und kunstgeschicht- 
liehen Bewegung; zweitens die Art, wie sich die kirchlichen 
Kreise im allgemeinen zu derselben verhielten; und drittens, 
wie sich das Papstthum und dessen einzelne Träger zu der- 
selben stellen. 
1 So in der gesammten, so überaus ver- 
dienstvollen litterarischen Thätigkeit eines 
der edelsten und geistvollsten Forscher un- 
serer Tage: FRIEDRICH SCHNEIDER, der seine 
wohlberechtigte Kritik an Janssens VI. Bande 
in seiner kleinen Schrift ,Gothik und Kunstj 
Mainz 1888, zusammenfasste. 
2 Jon. GRAUS in seinem Jiirchenschmuck, 
Blätter des kirehl. Kunstvereins der Diöcese 
Seckaw, L-XXIX, und der daraus abgedruck- 
ten Schrift: ,Die katholische Kirche und die 
Renaissancef Graz 1885; 2. Auii. Freib. i. B. 
1888. 
5 MARCEL REYMoNn De Pinfluence nefastc 
de 1a Renaissance. Par. 1890.  LOU1s Con- 
RAJOD Les origines de Part moderne. Per. 1894. 
4 P. KEPPLER Kunstbetrachtungen. Zur 
Würdigung der Renaissance (Hish-pol. B1. 
XCV [1885] 17-23).  L. PASTOR Gesch. 
d. Päpste im Zeitalter der Renaissance (Freib. 
i. B. 1886 ff.) I-1Il.  WISEMAN Catholic 
Life and Letters. Lond. 1859.
        

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