Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Kunst des Mittelalters, der Renaissance und der Neuzeit: Renaissance und Neuzeit
Person:
Kraus, Franz Xaver
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1892262
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1893009
Buch. 
Einundzwanzigstes 
Petrarca. 
Die Mittel des Austausches zwischen Gelehrten und Künstlern und die 
Wege, auf denen die einen wie die andern der antiken Welt naher treten, 
beschrankten sich nicht auf den Umgang, den dieselben untereinander pilogen, 
oder auf die Lectüre der Schriftsteller durch die ausübenden Künstler. Es 
kamen noch zwei andere Momente hinzu, Welche in der Culturentwicklung 
der Renaissance eine wichtige Rolle spielen und welche für die Aneignung 
der antiken Kunstformen und die Kunde von der Vergangenheit überhaupt 
den Antiquaren wie den ausübenden Künstlern höchst förderlich sein mussten. 
Das erste dieser Hülfsmittel waren die Reisen. Nichts wäre falscher 
als die Vorstellung, dass dem Mittelalter dies wichtige Mittel der Erkenntniss 
unbekannt gewesen wäre. Eine so umfassende Kenntniss der theologischen 
und philosophischen Litteratur, wie sie die grossen Scholastiker an Tag legen, 
war auch im 13. Jahrhundert nicht möglich, ohne dass die Gelehrten die 
grösseren Bücheransammlungen persönlich aufsuchten. Es gab freilich weder 
Eisenbahnen noch Posten in unserem Sinn, und keine eleganten Hotels standen 
den Reisenden zur Verfügung. Dafür aber lag die ,Via latinrß weit aus- 
gebreitet vor ihnen. Die Internationalität, welche die Einheit der Kirche, die 
Gemeinsamkeit der Gelehrtensprache schuf; der leichte Uebergang von der 
einen Universität zur andern; die (tastfreundschaft, welche die Klöster allen 
fahrenden Scholaren darboten: das alles waren Vortheile von unschätzbarem 
Werthe. Gerbert, Albert d. G11, Thomas von Aquino, Roger Bacon sind 
leuchtende Beispiele dafür, dass die Genies nicht zögerten, diese Situation 
im Interesse ihrer Studien auszunutzen. Wie viel Dante sowol als Dichter 
wie als Gelehrter den Reisen verdankt, ist auf jeder Seite seiner Werke er- 
sichtlich; und mit ihm beginnt denn auch die Aera jener reichen, uner- 
schöpflichen Befruchtung, welche die Phantasie des Künstlers und Poeten aus 
den Reisen gewinnen musste. Die Gewinnung von Einzelkenntnissen war 
vielleicht, wenn auch der erste, doch nicht der wichtigste Ertrag solcher 
Reisen. Höher steht sicher der Gewinn, dass die Reisen ,den Menschen 
menschlich machen und ihm ein gemeinsames Vaterland geben". Nur auf 
diesem Wege lässt sich jener über alle Zufälligkeiten und Erbärmlichkeiten 
dieses Erdenlebens hinaushebende Blick in das grosse Weltganze der Natur 
gewinnen, von dem schon Cicero spricht und dem wir zum erstenmal in der 
Litteratur wieder in Dante's ,Convivio' begegnen 2. Petrarcas Reisen be- 
ginnen fast mit seiner Geburt; es war typisch für die gesavmmte Renaissance, 
dass weder Geist noch Körper dieses ihres eigentlichen Vaters und Begründers 
jemals zur Ruhe gekommen sind. Er hat Italien oftmals nach fast allen 
Richtungen durchstreift; er hat auf seinen Fahrten nach der geliebten Vaucluse 
und zurück den Zauber der Riviera für uns entdeckt, Frankreich, Belgien, 
damit MARSIL. FICIN. Epist. libr. III (ed. 
Bas. 1561, 1 743): ,Artifici vano s. d. Satis- 
facit tibi quamplurimum, o iners nimium 
artifex, quicquid aut disceris aut feceris. Visne 
bona venia. causam tibi dicam? Quia scilicet 
non plus aliquid forte mens capit tua, quam 
lingua manusve expresserint, 0 quam pusilla 
mens, cui lingua mauusve gequantur! Pro- 
fecto ubicunque mens, ut par est, instrumenta 
superat et materiam, nunqualn opus satisfacit 
opifici, nunquam vero satisfacit arti is cui 
semper artificiunl satisfacitf 
' PLIN. Hist. natur. III 5:  ,et hu- 
manitatem homini daret breviterque una 
cunctarum gentium in toto orbe patria 
iieretf 
2 Cm. Acad. Il 41: ,est enim animorum 
ingeuiorulnque naturale quoddam quasi pa- 
bulum consideratio contelnplntioque naturae. 
Erigimur, elatiores ücri videmur, humana 
despicimus, cogitantesquo supera atque coö- 
lestia haec nostra, ut exigua et minima, con- 
temnimus. Vgl. dazu A. v. HUMBOLDT Kos- 
mos II 209. 233.
        

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