Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Kunst des Mittelalters, der Renaissance und der Neuzeit: Renaissance und Neuzeit
Person:
Kraus, Franz Xaver
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1892262
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1892981
Einundzwanzigstes 
Buch. 
Mirandola (1463-1494), der Phönix der Geister, sah in dem Christenthum 
die Erfüllung dessen, was Plato vorausgeahnt; aber er erweiterte den Ge- 
sichtskreis der Schule, indem er auch die Geheimlehren der jüdischen Kabbala 
zur Demonstration des Christenthnms heranzog und aus diesen Elementen 
sich eine seltsame theologischphilosophische Weltanschauung zurecht machte, 
deren Bild uns die von ihm zur öffentlichen Disputation ausgeschriebenen 
900 Thesen liefern. Papst Innocenz VIII censurirte am 5. August 1486 die 
Thesen; die Disputation unterblieb, doch erlangte Pico später unter 
Alexander VI eine Aufhebung der Censur. Das Decoct aus Magie und 
Kabbala, chaldaischer, arabischer, jüdischer und griechischer Theosophie, 
welches Pico's jugendliche Schwärmerei sich zurecht gemacht, kann jetzt auf 
sich beruhen. Aber was er, in Üebereinstimmung mit Ficino, über das Ver- 
hältniss der profanen Wissenschaften, der Philosophie, der Poesie und Kunst 
zum Christenthum und dessen Theologie vorgetragen; das, was Marsilio Ficino 
unter der Bezeichnung seiner ,Accademia', d. i. der Versammlung aller dem 
Christenthum von ferne zustrebenden erlauchten Geister des Alterthums, ge- 
lehrt: alles dies ist für die christliche Kunst des iulisch-leonischen Zeitalters 
von allergrösster Bedeutung geworden. Wenn wir auf diese ganze Ent- 
Wicklung des Humanismus und des Platonismus des Quattrocento hier ausführ- 
licher, als es geboten schien, eingegangen sind, so geschah es gerade von der 
Ueberzeugung aus, dass die Compositionen der Camera della Segnatura, 
d. h. also der Höhepunkt der ganzen christlichen Kunst, ohne eine Kennt- 
niss der von Dante anhebenden, durch Marsilio Ficino und Pico zu Raifael 
führenden Entwicklung absolut nicht, wenigstens nicht in ihrem geschicht- 
lichen Zusammenhang und nach ihrer eigentlichen Absicht verstanden werden 
können. 
Die Camera della Segnatura ist gewissermassen das letzte Wort, welches 
die ,gute' und echte Renaissance hinsichtlich ihres Verhältnisses zur Antike 
ausspricht. Hier sind die drei Seiten vereinigt, nach welchen der Humanismus 
auf die Kunst Einwirkung gewann l. Der Künstler ist in das Wesen der 
neuen Bildung eingedrungen; er hat sich der von der Antike gebotenen 
Stoffwelt (im Parnass und der Schule von Athen) bemächtigt; er hat auch 
die durch die Monumente des Alterthums uns bewahrte Formensprache des 
Alterthums gekannt. 
Von diesen drei Bedingungen konnte ja die zweite, eine zunächst aussor- 
liche Aneignung der in der antiken Mythologie und Kunst gebotenen Stoffe, 
auch platzgreifen, ohne dass die erste und dritte zugleich erfüllt waren. 
Man wird dahin Fälle rechnen können wie die Schilderung des Imperiums 
nach Art der dantesken Auffassung durch Taddeo di Bartoli (1414) in der 
Vorhalle des Palazzo pubblico zu Siena. In diesem Sinne hatte ja die Antike 
auch im Mittelalter nie aufgehört einen starken Einfluss auf die Phantasie 
der Künstler zu üben. Auch die reine Formfreude hat zuweilen hier mit- 
gewirkt. Springer hat in seinem bekannten Aufsatze über ,das Nachleben 
der Antike im Mittelalter' 2 eine Anzahl von Fällen aufgewiesen, wo, wie 
den Kanon PARENTUCELLIyS (VomT I 410).  
Wie stark der Enthusiasmus für Plato auch 
ausserhalb der Florentiner Akademie war, 
zeigt BEROALDUS, der Orat. DII den Ausdruck 
gebraucht: ,Pla.to ille philosophorum Deusf 
lVgl. JANITSGHEK a. a. O. S. 23, wo 
die Erfüllung dieser drei Forderungen an 
den Hauptmeistern des Quattrocento nach- 
gewiesen ist. 
2 SPRINGER Bilder aus der neuem Kunst- 
gesch. I 1, 211. 245.  Tnow; Repert. f. 
Kunstw. IV 268; besonders aber jetzt J. v.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.