Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Kunst des Mittelalters, der Renaissance und der Neuzeit: Renaissance und Neuzeit
Person:
Kraus, Franz Xaver
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1892262
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1892923
Buch. 
Einundzwa-nzigstes 
Boccaccio. 
Dante, bloss n1it einer dunkeln Ahnung in das gelobte Land der Antike hin- 
überschaute, sondern der erste moderne Mensch ist, der ganz von der Ge- 
dankenwelt des Alterthums erfüllt und beherrscht wird, und der zum erstenmal 
den fast achthundert Jahre lang verschütteten und verlorenen ästhetischen 
Erwerb der antiken Cultur wieder zu neuem Leben erweckt, zunächst für 
sich. Die rhythmischen Formen und der melodische Klang des guten Latein 
hatten ihn von Jugend auf gefangen genommen. Dem Reiz virgilischer Verse 
konnte er nicht widerstehen. Der persönliche ästhetische Genuss, den er im 
Umgang mit den Dichtern und Schriftstellern Roms fand und durch die er 
selbst glaubte geworden zu sein, was er war, gab ihm den Vorwurf für sein 
ganzes Leben. Es war die erste Existenz, welche voll und ganz der Wieder- 
erweckung des Alterthums gewidmet war. 
Und dieses Alterthum stieg nun wirklich aus seinem Grabe emporl: zu- 
nächst freilich nur das römische. Von früher Jugend an sammelte Petrarca 
Handschriften der alten Olassiker, vor allem Cicero's und Livius'. Unersättlich 
in der Erwerbung einer kostbaren Privatbibliothek  Jibris satiari negued  
wusste er diesen Besitz für sich und seine Freunde in flüssiges Gold umzu- 
setzen. In seinen Schriften gewinnt das Alterthum wieder Leben und actuale 
Bedeutung. Mit unsagbarem Entzücken besucht er Rom zum erstenmal 1337. 
Was er hier sieht, übertrifft all seine Erwartungen. ,R0m ist grösser, als 
ich es zu finden glaubte; jetzt wundere ich mich nicht mehr, dass die Welt 
sich von dieser Stadt überwinden, sondern dass sie sich so spät erst von 
ihr besiegen liessf Diesen Eindruck verstärkt jeder seiner folgenden Be- 
suche. Vor allem ziehen ihn die Ruinen Roms an. Er beschreibt und feiert 
sie in seinen Briefen wie in der ,Africa', beklagt ihren Verfall, zeigt sich 
auf Erhaltung der Denkmäler bedacht und wendet auch schon den Inschriften 
seine Aufmerksamkeit zu. Für Kaiser Karl IV sammelt er Münzen und stellt 
aus ihnen und aus Büsten die Kaiserporträts zusammen. Ein erstes Er- 
wachen historischer Kritik zeigt sich in der Art, wie er gewisse falsche 
Urkunden verwirft. Die Beziehungen zu Boccaccio, welche seit dessen Reise 
nach Pavia 1351 beginnen, erweisen sich für die humanistischen Studien als 
hoch bedeutsam. Ihnen namentlich verdankt Petrarca die stärkere Aufnahme 
der griechischen Studien, die er bereits 1339 mit ,Barlaam' begonnen, die ihn 
aber freilich bei dem Mangel geeigneter Lehrer niemals so weit führten, dass 
er Homer in der Ursprache geniessen konnte. Immerhin sind in und durch 
Petrarca schon alle wesentlichen Züge vertreten, die der spätere Humanismus 
ausgebildet, auch die Verehrung für Plato. Nimmt man sein Eintreten für die 
phantastischen Träume eines Cola, für die in den gegebenen Verhältnissen aus- 
sichtslose und nicht gerechtfertigte Freiheit Roms, seine übertriebene Abneigung 
gegen die Seholastik hinzu, so hat man in ihm den Typus des Humanisten 
nach seinen guten wie nach seinen schlechten Seiten. Sein ,Pace non tmwf 
ist das Schibboleth der gesammten von ihm ausgehenden Bewegung: es 
wäre ungerecht zu sagen: in ihrer Gottverlassenheit, aber wol in ihrer Fried- 
losigkeit, in ihrer nervösen, krankhaften Unruhe. Boccaccio, um neun Jahre 
jünger als Petrarca, stirbt ein Jahr nach ihm (1375). Er ist so wenig wie 
Petrarca ungläubig, aber um sehr vieles weltlicher als dieser, der übrigens 
gen Ende seines Lebens immer ernster und religiöser geworden war. Heute 
kennt man Boccaccio hauptsächlich nur mehr als den Verfasser des leicht- 
VOIGT 
KRAUS 
Petrarca 
Briefwechsel 
(Essays
        

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