Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Kunst des Mittelalters, der Renaissance und der Neuzeit: Renaissance und Neuzeit
Person:
Kraus, Franz Xaver
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1892262
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1892882
Einundzwanzigstes 
Buch. 
Scholastik. Im 12. Jahrhundert ändern sich die Dinge. Das historische Bewusstsein 
und die sorgsame Erforschung der einheimischen wie allgemeinen Geschichte 
versinkt vor der Alles beherrschenden Scholastik. Die lateinische Grammatik 
unterliegt deren Einfluss 1. Die Heiligenlegende überwuchert die Historie, 
und ihre Autoren unterlassen nicht, vor den heidnischen Dichtungen zu Gunsten 
ihrer eigenen Werke zu warnen. Im Norden wehren sich noch vergebens 
Johann von Salisbury, Jacob von Vitry und Arnold von Humblieres für das 
Studium der Alten, das sie, wenn auch mit Vorsicht, empfehlen 2. Aber zu 
Anfang des 13. Jahrhunderts hat die Scholastik vollends schon den Sieg da- 
vongetragen, und die Regeln der beiden grossen Bettelorden, der DOUÜIÜCRUGI" 
und Franciscaner, verbieten geradezu das Lesen der heidnischen Autoren 3. 
Damit verschwinden die Classiker bald auch von den Bänken der Elementar- 
schule, wo sie nach Comparettfs treffendem Ausdruck sich im Mittelalter 
doch allein gehalten hatten. Denn ,die mittelbaren Gründe, welche den Klerus 
des Mittelalters zur Pflege der sieben Künste antrieben, waren nicht von der 
Art, dass sie neues Leben schaffen und einen Aufschwung der Wissenschaften 
hätten hervorbringen können. Die antike Tradition, die schon in den letzten 
Zeiten des Heidenthums unfruchtbar geworden, trat diesen vom Geist des 
Christentliums durchaus beherrschten Jahrhunderten entgegen, gleichsam wie 
eine Substanz, die in eine völlig heterogene Flüssigkeit gethan wird, sich zu- 
sammenballt und dann zu Boden sinkt; eine todte Materie, die aus der einen 
Hand in die andere geworfen und nur durch die rauhen und sonderbaren 
Berührungen, die sie ab und zu erleidet, modificirt wird' (Comparetti). 
Genau so liegen die Dinge auf dem Gebiet der bildenden Kunst. In 
S. Angelo in Formis trat uns die letzte grosse Schöpfung jener retrospectiven 
Kunst entgegen, welche ihre Wurzeln in der christlich-römischen Uebung des 
Alterthums hat (II 64). Sie ist auch hier schon stark gemischt mit byzanti- 
nisehen Einflüssen. Im 12. Jahrhundert ist diese retrospective Richtung so- 
zusagen ganz erloschen. Eine verrohte indigene Kunst geht neben den 
byzantinischen Einflüssen her, bis zu Ende des 13. Jahrhunderts ein neuer 
Hauch des Lebens über Italien zieht. 
Inzwischen war der Faden, welchen das Zeitalter der Kreuzfahrer und 
der aufsteigenden Scholastik in der schönen Litteratur und in der Malerei 
und Bildnerei verloren hatte, von einer andern Seite wieder aufgenommen 
worden. 
Regress auf Einen Regress auf. das Alterthum stellte ja in ihrer Art selbst die 
tml-ätgä; Scholastik dar, indem sie zu ihrer formalen Ausgestaltung die aristotelische 
Studium desPhilosophie zu Hülfe rief. Im Grunde kann man sagen, dass die Antike mit 
Anstoteles- Aristoteles gewissermassen wieder ihren Einzug in den Geist des Abendlandes 
nahm. Aber es war zunächst nur ein Aristoteles in arabischer Verkleidung, 
den man kennen lernte, und auch als die Schriften des Stagiriten etwas V01]- 
ständiger bekannt und in besseren Uebersetzungen zugängligh wurde", war 
es zunächst und in erster Linie nur die formale Seite seiner Philosophie, 
vorab die Logik, welche von der christlichen Speculation des Abendlandes an- 
' THUBOT in Notices et Extraits de divers 
mss. pour servir ä, l'histoire des doctrines 
grammaticales au moyerl-äge. Par. 1868 (aus 
Notices et Extr. des mss. de 1a Bibl. in1p.). 
2 IOANNES SARISB. Metalogic. I 3. Andere 
Belege bei COMPARETTI 1. c. und LEGOY DE 
LA MARGIIE La Chaire franq. au nloyen-äge 
(Par. 1868) p. 438 s.  
9 ,Gentilium autem libros vel haeretlcorum 
volumina monachus legere caveaU (HfESTEN: 
Cod. reg. mon. p. 124). Vgl. die Lltt- bei 
COMPABETTI 1. c.
        

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