Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Kunst des Mittelalters, der Renaissance und der Neuzeit: Renaissance und Neuzeit
Person:
Kraus, Franz Xaver
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1892262
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1892858
Begriff, 
Natur 
constitutive 
Elemente 
Renaissance. 
geschiehte vielfach beschäftigt. Für Italien wenigstens ist diese Frage sehr 
schwer zu entscheiden; denn die Grenzlinie ist so verwischt, dass sie selbst 
bei den einzelnen Repräsentanten der kunstgeschichtlichen Entwicklung zu- 
weilen kaum erkennbar ist 1. Man pflegt Niccolo Pisano und Giotto an der 
Spitze der Renaissance zu nennen; und doch konnte einer unserer gewieg- 
testen Kunstgelehrten den Erstern lieber gleich den Meistern der Wechsel- 
burg, Freibergs (und er hatte hinzufügen können: des Südportals am Strass- 
burger Dom) in die Reihe der romanischen oder der dem Uebergang von der 
romanischen zur gothischen Periode angehörenden Bildhauer stellen, Giovanni 
Pisano als einen Meister entschieden gothischen Gepräges und auch Andrea 
Pisano wie Giotto trotz ihrer Gravitation zur Antike als specifische Gothiker 
in Anspruch nehmen 2. Sieht man in der Betonung des Individuellen, was 
bei Niccolö Pisano noch ganz fehlt, das ausschlaggebende Moment für die Be- 
naissance, so muss man freilich den Pisaner noch zum Mittelalter rechnen, und 
auch bei Giotte ist es wesentlich nur die dramatische Bewegung, in der der 
Pulsschlag einer neuen Zeit sich fühlbar macht. 
Die Frage, wann das Mittelalter der religiösen und allgemeinen culturellen 
Lage nach abschliesst und die Neuzeit beginnt, ist nicht identisch mit der- 
jenigen, wann auf dem Gebiete der Kunst die Renaissance sich zuerst regt, 
und selbst mit derjenigen, wann sie sieghaft wird. Für die Feststellung der 
grossen Zeiträume der allgemeinen Welt- und Menschengeschichte sind die 
politischen, religiösen und socialen Ereignisse und Zustande ausschlaggebend; 
die kunstgeschichtlichen Facten sind gewissermassen nur Lichter, mit Hülfe 
deren sich die Wegweiser leichter lesen lassen. Trennen wir die kunst- 
geschichtliche Betrachtung hier von der universalgeschichtlichen, so kann 
man in der That versucht sein, Renan nicht ganz Unrecht zu geben, wenn 
er das Mittelalter sozusagen aus der Geschichte Italiens ausstreicht und die 
Renaissance dicht an das Alterthum anschliesst 3. Wenn der Verfasser der 
,Vie de Jesus sich dafür auf den Umstand beruft, dass der Idealismus der 
Gothik sich in Italien niemals eingebürgert und der Zug der Nation stets 
ein realistisch-classischer gewesen4, so liesse sich, wie die Gestalt eines 
Franeesco dlAssisi bezeugt, "wol einwenden, dass der Idealismus nicht noth- 
wendig das Gewand der germanischen Cultur und der Gothik tragen müsse. 
.1 Schon BARTOLI l. c. p. 93 nennt 12mm: 
(Hlst. de 1a Litt. angl. 1 241) folgend 
Ballen Äl piü pagano e il piil vicino alla 
clvlltä anticai Wenn FAURIEL (Hist. de 1a 
Ifoesle Prov. l. 54) ltaliens Rolle dahin de- 
hnirt: ,d'epurer et de perfectionner toutes les 
branches de la poesie du moyen-ägeß so liegt 
eine ähnliche Anschauung zu Grunde. 
2 FRANZ v. REBER Kunstgeschichte des 
Mittelalters (Lpz. 1886) Einl. S. xxxI f.  
Vgl. dazu R. VISCHER in der Allg. Ztg. 1886, 
Nr. 278, Beil.  Neuerdings hat auch M. G. 
ZIMMERMANN (Giotto I 2) Gietto und die Pi- 
saner wieder nur als höchste Blüte des Mittel- 
alters, nicht als Vertreter einer Vorrenais- 
sance erklärt, worin ihm Demo Kunstchronik, 
N. F. XI Nr. 18, beigestimmt hat. 
 3 E. RENAN L'art religieux (Neuvelles 
Etudes d'Histoire religieuse. Paris 1884) 
p. 403: ,L'Italie n'a presque pas de moyon- 
äge; elle resta tres longtenlps antique, et fnt 
de tres bonne heure moderne; le Sentiment de 
Pinüni, qui est 1a grande acquisition faite 
par Phumanite durant co sommeil de nlille 
annöes, lfexiste pas pour alle. Si l'on ex- 
cepte Milan et Naples, Htalie ne renfenne 
pas un monument considörable qu'on puisse 
appeler gothique, et ce nom meme, dans 1a 
pensee d'Italie, est synonyme de barbaref 
Aehnlich spricht sich RENAN in den Briefen 
an Berthelot 1847-1892 (Par. 1898) aus. 
4 RENAN 1. c. p. 405: ,C'est que Pltalie, 
möme chretienne, est toujours classique et 
un peu paienne. L'in{ini lui deplait et 1a. 
fatigue    tout Part chräfzien de Pltalie 
moderne me fait l'effet de PEvangile traduit 
en vers latin; c'est quelque chose comme 1a 
poesie de Prudence et de Seduliusf
        

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