Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Kunst des Mittelalters, der Renaissance und der Neuzeit: Renaissance und Neuzeit
Person:
Kraus, Franz Xaver
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1892262
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1892848
Einundzwanzi gstes 
Buch. 
Hier war es also vor allem die Veranlagung des Volkes, das, von Hause 
aus gesund, unter dem schönen, warmen Himmel Toscanafs und Umbriens 
auch nach den schwersten Gewittern rasch wieder den Bogen des Friedens über 
sich aufsteigen sieht: ein Naturell, das im 13. Jahrhundert noch durch ein 
starkes kirchliches und communales Regiment zusammengehalten, im 15. 
schon mächtiger und stürmischer wird, dann aber doch noch auf lange Zeit 
durch den Umgang mit der Natur frisch erhalten wird und in ihr noch immer 
die Quelle eines Friedens findet, den die geistigen Mächte, welche jetzt auf 
das Innere des Menschen losstürmen, bereits zu untergraben begonnen hatten. 
Aufnahme Das Eintreten der Antike in die Vorstellungswelt des Quattrocento ist 
"e"erstoße' im folgenden Abschnitte dieses Buches zu behandeln. Mit der Aufnahme der 
antiken Stoffe, sowol der historischen als noch mehr der mythologischen, hat 
sich die Renaissance freilich vom Volke und dessen Vorstellungen entfernt, 
und je mehr die Antike zur Herrschaft gelangt, desto entschiedener tritt 
dieser Mangel an Volksthümliehkeit der neuen Kunst, im vollen Gegensatz 
gegen die Gothik, hervor. Wie sich die Renaissance damit ihr eigenes Grab 
gegraben hat, werden wir seiner Zeit sehen. Für das 15. Jahrhundert von einer 
Diserepanz von Kunst und Leben zu sprechen1, scheint uns nicht angängig. 
In dem Volke herrschte im ganzen noch eine tief religiöse Lebensauffassung und 
kirchliche Uebung, in den höheren Kreisen trotz aller paganistischen und epi- 
knreischen Anwandlungen doch vorwaltend noch immer eine edle und idealisti- 
sche Weltanschauung. Von dieser Seite kamen die Inspirationen, jene bewahrte 
den fruchtbaren Boden, auf welchen die Saat neuer Gedanken nieder-fiel. Erst 
gegen Ausgang des Jahrhunderts änderte sich dies: in den Tagen, wo Fra 
Girolamo sich berufen fühlte, gegen das Wachsende Verderben aufzutreten. 
Wir lehnen also die Unterstellung einer tiefgreifenden Dissonanz zwischen 
dem Volksleben des Quattrocento und dem Phantasieleben seiner Künstler 
für das 15. Jahrhundert im ganzen und grossen ab. Mit dem 16. Jahrhundert 
wird dies freilich anders. An die Stelle des Volkes treten die Gelehrten und 
die von der Masse der Nation durch ihre religiöse und politische Auffassung 
geschiedenen, mit dem Auslande vielfach kokettirenden höheren Classen der 
Gesellschaft ein. Man darf das beklagen, aber man muss doch zugeben, dass 
auch das Zusammenwirken der Gelehrten mit den Künstlern grosse und köst- 
liche Kunstschöpfungen hervorzubringen im Stande war. Fast jede grössere 
Stadt Italiens liefert in den Erzeugnissen der Spätrenaissanee dafür den 
Beleg; keiner ist vielleicht überzeugender als die Farnesenburg Caprarola in 
den laurinischen Bergen bei Viterbo, dem Meisterwerke Vignola's mit den 
Fresken Taddeo Zuccarfs, welche uns Vasari beschrieben hat 2. 
Scheidung 
von Mittel-  
alter und dle 
Renaissance. 
Die Frage , 
Renaissance, 
wo das Mittelalter für Italien und überhaupt 
also mit ihr die Neuzeit beginnt, hat die Kunst- 
aufhört und 
 und Cultur- 
' R03. VISCHER Kunstgesch. und Huma- 
nismus (Stuttg. 1880) S. 51 f.  Ders., Luca 
Signorelli und die ital. Renaissance. Lpz. 
1879. Dagegen JANITSCHEK in Repert. f. 
Kunstw. II 397.  Ueber die äussern Ver- 
hältnisse der Künstler s. auch SPRINGER Die 
Anf. der Ren. in Italien (Bilder I 233  
2 VASARI Vite, Tadd. Zucchero, ed. 
MILANESI, VII 107, ed. Ln Mozmnm XII 
133. BURCKHARDT-HOLTZINGER Geschichte 
der Renaissance in Italien 3 (Stuttgart 
1891) S. 249, Fig. 211.  SCHÖNER in 
der Allgemeinen Zeitung 1886, Nr. 101, 
Beil.
        

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