Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Kunst des Mittelalters, der Renaissance und der Neuzeit: Renaissance und Neuzeit
Person:
Kraus, Franz Xaver
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1892262
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1892838
Begriff, 
Natur 
constitutive 
Elemente 
Renaissance. 
ermangelt auch Venedig nicht, die Herrlichkeiten seines Governo, das Treiben 
auf der Piazza di S. Marco, seinen Verkehr mit dem Orient dem Publieum 
durch seine Maler vorführen zu lassen; auch hier anfangs noch unter der Etikette 
der religiösen Legende, um dann, in den grossen Decorationsstücken des 
Dogenpalastes, zu der unmittelbaren Vorführung der Siege und Triumphe des 
Freistaates überzugehen. 
Aber auch die allgemeine Lage der Welt und Italiens musste sich der Allgemeine 
Betrachtung derjenigen aufdrängen, welche Kunstwerke inspirirten und schufen. mäßiger 
Grosse und erschütternde Zeitverhältnisse haben von jeher W0l in der 
Poesie, selten aber in der bildenden Kunst sofort ihre adäquate Darstellung 
gefunden. Die bildende Kunst verlangt die Abklärung des momentanen Ein-- 
drucks. Soll wirklich ein Monument, d. h. also ein Bleibendes, erzeugt werden, 
so muss die Plötzlichkeit des aufwallenden Affects, die augenblickliche Erregung 
schon zurückgetreten sein. Das ungeheure Ereigniss der französischen Revo- 
lution hat kein grosses Werk der Malerei hervorgerufen: künstlerisch lebt 
es fast bloss in der Caricatur fort. 
Das Italien des Trecento war weder in politischer noch in socialer Hin- 
sicht glücklich. Die Schilderungen, welche uns Caterina da Siena, Petrarca, 
Ammirato (1387) von dem Zustand des durch Bürgerkriege, Empörungen, 
Mord, durch die Lahmlegung der kaiserlichen Macht und das Exil des päpst- 
lichen Stuhles heimgesuchten Landes machen, sind furchtbar. Und mitten in 
dieses Elend fielen alle zehn Jahre jene entsetzlichen Pestseuchen, deren 
schrecklichste der ,grosse Sterbent' oder der schwarze T0d' der Jahre 1347 
und 1348 war. Boccaccio hat uns bekanntlich im Eingang seines ,Decamerone' 
eine berühmte Schilderung dieses Ereignisses hinterlassen, von dem grausig 
zu hören, geschweige es anzusehen war'  ,1m0 stupore era ad radir (Uwe, 
non che a ßrigzecrlrelzcrrlof Und doch war dies das Geschlecht, in dessen Mitte 
Petrarca seine Laura besang und Boccaccio mit ihm sich in die Schönheiten 
der homerischen Poesie versenkte. Es wird ein ewiges Zeugniss für die 
freie und glückliche Geistesanlage dieses Volkes bleiben, dass es unter so 
vielem Elend nicht versank, sondern dass es im Gegentheil gesund und kräftig 
genug organisirt war, um sich geistig aus der Misere des alltäglichen Daseins 
herauszuretten, und in seinen künstlerischen Compositionen den Weg zu einer 
reinen und hohen Tragik herausfand. Auch in Deutschland hat die Pest 
gewüthet. Der schwarze Tod brachte uns die Geisslerfahrten und die blutigen Trionfi. 
J udenverfolgungen, und unsere Vorfahren malten das Ringen dieser unentrinn- 
baren Macht mit dem frischen Leben in ihren Todtentänzen. Die Italiener 
kannten die glanse onacabre" nicht, sie malten den Triumph des Todes: 
Petrarca besang ihn, indem er in dem letzten und schmerzlichsten Sieg des- 
selben die Verklärung seines irdischen Phantasma  pnorte bella parea nrl 
suo bei viszf  sah; der Maler des ,Trionfo della morte" im Camposanto zu 
Pisa führt uns von den Bitternissen und Schrecken des uns mitten im frohen 
Leben begegnenden Todes zu dem stillen Frieden Jener empor, die schon hier 
auf Erden dieser Erscheinungswelt abgestorben sind und ruhigen Sinnes einem 
Ende entgegensehen, das für sie den Schrecken verloren hat.  
Kein Zweifel, dass die christliche Lebensauffassung den stärksten Antheil 
an dieser Besonnenheit hatte, welche den heftigsten Affect der Leidenschaft 
künstlerisch abklart und Poesie und Kunst zu kindlicher Heiterkeit stimmt. 
Aber auch andere Nationen waren der christlichen Ueberzeugung theilhaftig, 
ohne dem Sonnenstrahl des Frühlings sich so weit und freudig zu öffnen.
        

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