Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Kunst des Mittelalters, der Renaissance und der Neuzeit: Renaissance und Neuzeit
Person:
Kraus, Franz Xaver
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1892262
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1892748
Einundzwanzigstes 
Nie vorher und nachher fand in der Geschichte ein ähnlicher Austausch 
zwischen den geistigen Grössen der beiden Geschlechter statt; wenn später 
Lebrun mit seinem vielberufenen Satz: ßözspirez, mais Mäcrivez pasßdeni 
zarteren Geschlecht seine Rolle in der Litteratur zuweisen wollte, so war, 
für das Gebiet der bildenden Kunst, diese Maxime seitens der Frauen der 
Renaissance im wesentlichen festgehalten worden. Denn der Antheil, welchen 
Ausübende sie als ausübende Künstlerinnen an der Bewegung nahmen, ist verschwindend 
 gering. Man nennt als Malerin die hl. Caterina von Bologna 
(1413-M1463), Properzia de' Rossi (gest. 1530 ebenfalls in Bologna) als 
hochbegabte Bildhauerin, Lavinia Fontana als Portratmalerin, die Nonnen 
Plautilla Nelli als Nachahmerin des Fra Bartolommeo, Lucrezia Pietra 
und Sofonisba Angussola aus Cremona als Malerinnen, denen auf dem 
Gebiet des Porträts, des Genre und der Blumenmalerei manch Andere gefolgt 
sind. Auf den grossen Gang der Entwicklung einzuwirken, war keiner dieser 
Künstlerinnen beschieden. Eine solche Einwirkung hat, wenigstens für eine 
Generation, eine einzige Frau bewirkt, S. Caterina da Siena, und diese nicht, 
weil sie Künstlerin gewesen oder durch die Richtung ihres Geistes und ihrer 
Bestrebungen der Kunstwelt nahe gestanden hätte, sondern ausschliesslich 
dadurch, dass sie ihren Zeitgenossen eine religiöse und patriotische Ideal- 
gestalt darstellte, welche, wie wir sehen werden, mächtig genug war, um 
einer schon im Sumpf der Demagogie versinkenden Schule neue Inspirationen 
zu geben und reinere Begeisterung zurückzurufen. 
Von namhaftem Einfluss auf die künstlerische Phantasie musste die 
Ausbildung der Geselligkeit und der öffentlichen und häus- 
lichen Feste sein, wie sie sich durch die Verfeinerung der Sitte, durch 
die Annäherung in der geistigen Bildung der beiden Geschlechter, durch 
das Aufkommen zahlreicher kleinerer Höfe und das Zuströmen grosser Reich- 
thümer ergab. Die geistlichen Schauspiele, die kirchlichen Umzüge, die 
Trionfi, die grossen Festmahle, Aufführungen bei Hochzeiten, fürstlichen 
Besuchen u. s. f.  alles das waren Erzeugnisse dieser allgemeinen Cultur- 
Verhältnisse, welche der Einbildungskraft der Künstler unausgesetzt Nahrung 
und ihren Händen volle Beschäftigung geben mussten 1. 
Materiene Aber die Inspiration und der Enthusiasmus reichen allein nicht aus, 
ggsfgzsjä_ um eine grosse Kunstblüte hervorzurufen. Sie können einzelne gewaltige 
blühens der Schöpfungen des Genies bedingen; auf die Dauer bedarf die Welt der Kunst 
K""st' und der Künstler auch äusserer und materieller Bedingungen des Gedeihens 
und der Erhaltung. 
Im frühern und noch im hohen Mittelalter war es vor allem der reli- 
giöse Gedanke, welcher das Kunstwerk eingab, und die Kirche, welche es 
schuf. Janitschek (S. 75) meint, in der Renaissance habe das Devotions- 
bedürfniss nur mehr eine sehr geringe Rolle gespielt; nicht mehr die fromme 
Absicht des Donators habe Werth gehabt, sondern das Werk sollte jetzt an 
und durch sich die Grösse und Machtfülle des Spenders der Nachwelt ver- 
kündigen. Dass Ruhmsucht das Motiv gewesen, welches die spätere Renais- 
1 Man vergl. für diesen ganzen Gegenstand 
BURGKHARDTS Onlt. d. Ren. II 132 f, bes. 
143 f. Die berühmtesten Feste dieser Art 
waren diejenigen, welche der Cardinal Pietro 
Riario 1473 bei der Durchreise der Prinzessin 
Leonore. von Aragon, der Braut des Ercule 
von Ferrara, in Rom gab, und die Hochzeit 
des Annibale Bentivoglio mit Lucrezia d'Este 
in Bologna 1492; von letzterer gibt uns PHIL. 
BEROALDUS in seinen ,Nuptiae Bentivnlorllnr 
(Orat. ed. Par. 1492, p. 3 s., ed. B011.1502, 
fo]. 112) eine höchst zulschaulimrhe Schilderung.
        

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