Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Kunst des Mittelalters, der Renaissance und der Neuzeit: Renaissance und Neuzeit
Person:
Kraus, Franz Xaver
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1892262
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1892704
Buch. 
Einundzwanzigstes 
durch die Ehe des Mannes Genossin, aufgenommen in seine Familie, der Ehren 
des Mannes theilhaftig; sie theilt mit ihm Tisch, Bank und Bett und führt 
den Schlüssel der innern Hauswirtschaft. Sie ist also Mitherrin des Hauses, 
obgleich sie dem Manne untergeordnet bleibt und unter seiner Vormundschaft 
(ahd. munt, mundium, mundibzerdium I mimus) steht 1. Hatte so das deutsche 
Recht die Frau nach der rechtlichen Seite gehoben, so that das Christen- 
thum einen ungeheuern Schritt weiter, indem es die Frau nach der geistigen 
und ethischen Seite zu der Höhe des Mannes emporzuziehen unternahm. Dass 
es eines langern geschichtlichen Processes bedurfte, um das durch die Sklaverei 
und das Hetarenwesen des Alterthums entwürdigte, zum Spielball der Laune 
des Mannes herabgesunkene Geschlecht zu erziehen, liegt auf der Hand. 
Gleichwol macht sich das emancipirte, christusfeindliche Weib der Gegenwart 
eines himmelschreienden Undankes schuldig, wenn es das vergisst, was es 
dem Christenthum und der Kirche schuldet. Man hat die Geschmacklosigkeit 
gehabt, sich auf ein gallisches Concil des 6. Jahrhunderts zu berufen, 
welches erst die Frau als wirklichen Menschen anerkannt habe 2. In Wirklich- 
keit nahm sehon in jener Zeit sowol in den fränkischen, gothisehen, lange- 
bardischen als namentlich in den angelsächsischen Reichen die Frau eine 
sehr grosse und mächtige Stellung ein, und zwar sowol in der Politik wie 
in der Religion. Innerhalb der Kirche genossen schon seit dem 3. Jahr- 
hundert die virginrs Deo dicatae, die uns bei Tertullian und Cyprian ge- 
schildert werden, einer tiefen Verehrung. In der germanischen christlichen 
Welt steigerte sich diese Verehrung für die gottgeweihte Jungfrau, namentlich 
infolge der Ausbreitung und Entwicklung des klösterlichen Lebens: cum 
infirmor, tunc potens sum. Es ist nicht zu viel gesagt, wenn Montalembert, 
welcher den angelsächsischen Klosterfrauen einige der schönsten Seiten der 
modernen Litteratur gewidmet hat, den Ausspruch thut: ,la religion chrätienne 
a 6156 la vraie patrie de la femme; la seule 021 alle retrouve so, vmie Zibertri, sa 
vraie destinäe, en sortant du servage de la terre d'Egypte, m (rk-happant au 
paganisme, ü la wie saiwage ou aux avilissemeizts plus ignominieux encore (Je 
la ziäpmvation civilisäefa 
Wenn dem gegenüber einzelne Mönchsstimmen sehr Uebles von den Frauen 
zu behaupten wissen, wenn eine derselben das Weib bestia insa-nabilis heisst 4, 
so beweisen solche Ausbrüche individueller Stimmungen und persönlicher Er- 
fahrungen doch nicht allzuviel. Auch Cicero und Petrarca verrathen zuweilen 
üble Laune gegen das schöne Geschlecht; dass sie es nicht verachteten, ist weid- 
lich bekannt. 
Das höiische Leben des Mittelalters, das Ritterwesen und der Minnecult 
haben das Ihrige gethan, um die Frau noch mehr in den Mittelpunkt des 
1 Vgl. J. GRIMM Deutsche Rechtsalter- 
thümer 2 (Göttg. 1854) S. 447. 
2 Auf dem zweiten Coneil zu Macon 585 be- 
hauptete ein Bischof ,mulierem hominem non 
posse vocitariß gab sich indessen auf die Be- 
Iehrung der übrigen Bischöfe hin zufrieden, wo- 
rauf die Sache erledigt war  haec causa con- 
victa quievit (Gnneon. Tun. Hist. Franc. VIII 
c. 20; vgl. auch HEFELE Conc.-Gesch. III? 41). 
3 MONTALEMBERT Les Moines d'Occident 
V2 241. 
4 Anonym. im Anzeiger f. Kunde deutscher 
Vorzeit 1871, N0v.: ,mulier est confusio 
hominis, bestia insanabilis, castitatis impedi- 
mentum, tempestas cottidiana, laqueus dia- 
boli, destruccio corporis, fetens rosa, tristis 
pamadisus, dulce venenum, mors animae, 
pena delectabilis, dulcor amarus, naufragium 
viri incontinentis, et omnium bonarum virtu- 
tum pervertrix est mirabilisf Vgl. ebd. 1870, 
Jan.  ORELLI Opuso. lI 241.  BARTOLI 
1. c. p. 33.
        

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