Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Kunst des Mittelalters, der Renaissance und der Neuzeit: Renaissance und Neuzeit
Person:
Kraus, Franz Xaver
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1892262
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1895500
Zweiundzwanzigstes Buch. 
Prediger nicht bloss eine Ablehnung des ganzen künstlerischen Wollens und 
Sehaüens, sondern auch ein positives Verhältniss zur Kunst vorgefunden. Anders 
liesse sich nicht erklären, dass, wie Vasari berichtet, ein Cronaca bis zur Fre- 
nesie von Savonarola erfüllt War; dass ein Michelangelo, der die Predigten des 
Frate in seiner Jugend gerne gehört hatte, in seinem Alter noch ihn mit Ver- 
gnügen las und Gestus und Stimme des gewaltigen Volksredners nie vergass; 
wie er denn, nach Villari's Bemerkung, sich damals als Schüler desselben zeigte, 
als er die Stadt und S. Miniato gegen die Medici vertheidigte (1529-1530). 
Sawmarp- Rio hat aus Savonarola den Restaurator der echten christlichen Kunst 
 im Kampfe gegen den Paganismus und den heidnischen Naturalismus gemacht 
Klln-St- und ihm einen höchst bedeutenden und heilvollen Einfluss auf die gleichzeitige 
und kommende Kunstwelt zugeschrieben. In diesem Punkte ist der geist- 
volle Franzose entschieden zu weit gegangen; das thatsäehliche und praktische 
Verhältniss des Frate zu der Welt der Kunst und der Künstler ist durch 
spätere Forschungen in ein anderes Licht gesetzt worden. Villari, in seinem 
Enthusiasmus für seinen Helden, glaubt zwar noch behaupten zu dürfen, dass 
Savonarola doch eigentlich die Natur des Kunstschönen und der Kunst er- 
fasst hatte (ßgli anzi ne aveva compresa Za wra inrlolef), dass er indessen nicht 
hinreichend gesehen, wie sehr die Cultur des Geistes das Herz veredelt und 
das Eindringen in die Welt der Kunst die Geister emporhebt. Zu einem 
scharfern und richtigern Urteil ist Bode vorgedrungen. Er hat in seiner Studie 
über eine Gruppe der Beweinung Christi von Giovanni della Robbia darauf 
hingewiesen, wie diese und andere verwandte Arbeiten des Meisters mit ihrer 
herben, strengen Einfachheit, mit dem Versuch, an die Stelle der Individualität 
und Mannigfaltigkeit feste Typen und starre Schönheitsregeln zu setzen, in 
einen merkwürdigen Gegensatz gegen die durch Heiterkeit und harmlose 
Lebensfreiheit ausgezeichneten Jugendwerke des Giovanni treten. Diesen 
Wandel führt Bode auf den Einfluss Savonarolais zurück, dessen Forderungen 
die Axt an die Wurzeln der quattrocentistischen Kunst gelegt hatten, indem 
sie gerade das bekämpften, was das Wesen dieser Kunst ausmachte: die 
treueste Wiedergabe der Individualität und die Erstrebung einer naturalistischen 
Durehbildung. Schon in der Wahl der Sujets seitens der von Savonarola 
beeinflussten Künstler glaubt Bode diesen Einfluss angezeigt zu finden. Hat 
Savonarola in seinen Predigten die grossen Thatsachen der Passion Christi, 
Leiden und Kreuzestod des Herrn, vor allem und am nachdrücklichsten betont, 
so glaubt Bode den Nachklang dieser Vorträge in dem Umstande sehen zu 
dürfen, dass gerade der Kreuzestod und die Klage um den Gekreuzigten, die 
Pieta, ein stehendes Motiv für die Anhänger Savonarolas aus den Künstler- 
kreisen geworden war (Peruginois Fresco in S. Maria Maddalena de, Pazzi; 
die Grablegung desselben im Pitti, die Kreuzigung, Gethsemani und die Pieta 
in der Akademie, alle 1494-1497 entstanden; die Grablegungen Michelangelois 
in der Nationalgalerie zu London, Sandro's und Filippinois in München; die 
Pieta Sansovinds in S. Spirito, die grosse Kreuzabnahme [jetzt in der Akademie], 
welche Filippino übernahm und die 1504 Perugino vollendete; endlich Micl1el- 
angel0's Pieta in S. Pietro in Rom und Fra Bartolommeos Fresco des jüngsten 
Gerichts in S. Maria Nuova). In allen diesen Werken glaubt Bode, fast in 
jedem Zuge, die Regeln wieder zu entdecken, welche Savonarola den Künst- 
lern in seinen Predigten aufgestellt hat: den Ernst der Auffassung, die fast 
herbe Stimmung, die ruhige Wirkung des Vortrags, den absichtlichen Ver- 
 zicht auf Schmuck und Beiwerk. Entsprachen ja auch die tiefgestimmten,
        

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