Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Kunst des Mittelalters, der Renaissance und der Neuzeit: Renaissance und Neuzeit
Person:
Kraus, Franz Xaver
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1892262
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1892652
BegriiT, 
Natur 
constitutive 
Elemente 
der Renaissance. 
quickt. Der Gegenstand seiner Liebe zieht die ganze Natur in den Bann ihrer 
Schönheit, alles Leben und Weben der Natur gibt von ihrem Zauber Zeugniss, 
den er am beredtesten in seiner Canzone 15, 2 schildert. Wie in der Trennung 
von ihr die lachende, fröhliche lälrühlingswelt mit seiner leidvollen Gemüths- 
stimmung eontrastirt, hat er mit einer nur von Goethe oder Heine erreichten 
Kunst in seinem 269. Sonett (Zeßro torna) geschildert. Petrarca ist wirklich 
der erste Mensch, Welcher, in ganz modernem Sinne, die Natur als die Freundin 
kennt und liebt, an deren Busen er sein Leid ausweinen, von der er Balsam 
für die Wunden seines Herzens erwarten darf. Es ist nicht zu viel ge- 
sagt, wenn Biese meint, seit den Tagen des Hellenismus sei er der erste 
Mensch, der mit vollem Bewusstsein den lteiz der Einsamkeit, der stillen, 
unbelauschten, in Wald und Thal empfindet. Er ist auch der Erste, der mit 
vollem Bewusstsein des zu erwartenden Genusses eine Bergbesteigung unter- 
nimmt. Welch ein Ereigniss für die Entwicklung des modernen Naturgefühls 
die Besteigung der Montventoux, die er, 32 Jahre alt, am 26. April 1335 
vollzog, gewesen ist, haben Humboldt und J. Burckhardt, nach ihnen Dubois- 
Reymond und Biese hervorgehoben. Es darf nicht übersehen werden, wie 
tief Francesco Petrarea die landschaftliche Schönheit seines eigenen Vater- 
landes, der Riviera, der oberitalienischen Seen, empfunden und zuerst seinen 
Landsleuten begeistert ausgemalt hat. Wo er 1353 die Provenee verlässt, um 
endgiltig seinen Wohnsitz in Italien aufzuschlagen, bricht er in jenes Lied 
aus, das hier Platz linden möge, weil es in der That die helle, weithin 
schallende Ankündigung des ganzen Rinascimento ist: 
,Nun konmf auch ich zu dir, das Herz von Sehnsucht geschwellet 
War ich lange entfernt, bleib" ich nun ewig dir treu. 
Du gibst den müden Gliedern ein weiches, friedliches Lager, 
Und dem ermetteten Leib schaffst du ein sicheres Grab. 
Heiliges Land, von bewaldetein Berg ersehalf ich dich wieder, 
Und mein trunkenes Aug" freut sich der üppigen Pracht. 
Hinter mir bleiben die Wolken, die Sonne zerreisset den Nebel, 
Klar ist die Luft, und hell blieket der Himmel dich an. 
lch erkenne das Land meiner Väter und grüsse es freudig: 
Heil dir, väterlich Land, Kleinod der Welt, sei gegrüsst!" 
Auch bei Boccaccio fehlt es nicht an idyllischen Schilderungen des 
Landlebens; aber die Kraft seines Pinsels ist weit mehr der Darstellung der 
Leidenschaft und des bewegten Lebens, wie zu Eingang des ,Deea1ner0ne' der 
berühmten Beschreibung der Pest, als der Versenkung in die Freuden der 
Natur gewidmet. Um so starker tritt diese bei jenem andern Vertreter der 
Renaissance uns entgegen, der alle Bewegungen seiner Zeit in sich vereinigte, 
wie er als Papst den Höhepunkt der Gesellschaft erstiegen hat. Der Enthusias- 
mus, mit dem der greise Pontifex selber in seinen Commentarien die Herrlich- 
keit der ihn umgebenden Natnr, die Villeggiatura in Viterbo, das liebliche 
sich vor ihm ausbreitende Panorama beschreibt, wird an Feinsinnigkeit von 
keinem andern Schriftsteller übertroffen. Man muss herab bis auf Rousseau 
und Goethe gehen, um einer gleichen Naturschilderung in der Litteratur zu 
begegnen 2. 
bei 
Boccaccio. 
' PETRARCA ,Ad Italiam ex Galliis 1'0- 
means' (Salve chara Deo te1lus' etc.) Opp. 
III (ed. Basil. 1564) 110; übers. v. GEIGER 
Petrarka (Lpz. 1874) S. 138. 
2 AEN. SILv., d. i. P11 II, Commentarii 
rorum memorabilium (Francof. 1614), bes. 
lib. VIII p. 206; IX 232; X 263. 270; XI 
301. 307. 309, cit. vonßmsm a. a. O. S. 1-55 f.
        

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