Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Kunst des Mittelalters, der Renaissance und der Neuzeit: Renaissance und Neuzeit
Person:
Kraus, Franz Xaver
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1892262
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1892649
Buch. 
Einundzwanzigstes 
wo die ganze creatürliche Welt der Gottheit ihren Lob- und Dankeshymnus 
ilarbringt. 
Die franciscanische Dichterschulc bewahrte diesen Zug. Ohne die reli- 
giöse und poetische Exaltation, welche Franccsco d'Assisi und die Seinigen 
bis herab auf Jacopone da Todi gebracht, ist die Divina Commodia nicht denk- 
bar: ihr weittragender Einfluss auf die ganze Kunst der Renaissance, wie 
ihn Thode's schönes Buch nachgewiesen hat, ist eine nicht zu leugnende 
Thatsache. 
Es wird erzählt, wie Fra Egidio einst die Erde zum Zeugen seiner 
Predigt genommen, wie er dreimal seinen Stab auf sie gestossen habe und 
drei Lilien dem Boden entwuchsen. Man könnte sagen, die drei Lilien sind 
die drei bildenden Künste, die Zeugniss ablegen von dem Geiste, der Francesco 
und die Seinigen beseelte. 
Natur- Die enge Verwandtschaft Dante's mit diesem franciscanischen Geiste ist 
 von verschiedenen Seiten aufgewiesen wordenl: sicher führt, ihm folgend, 
der Dichter der Oommedia den Faden weiter, welcher zur vollen Ausbildung 
des Naturgefühls führen musste. Es ist Alexander V. Humboldts Verdienst, 
als der erste unter uns energisch darauf hingewiesen zu haben, wie nach 
dem Untergange der alten Welt uns zuerst wieder Dante, der Schöpfer einer 
neuen, von Zeit zu Zeit das tiefste Gefühl des irdischen Naturlebens zeigte. 
,Unnachahm]ich malt Dante am Ende des ersten Gesanges des Purgatorio 
(I 115) den Morgenduft und das zitternde Licht des sanft bewegten fernen 
Meeresspiegels (il tremolar della. marina) ; im fünften Gesang den Wolkenbruch 
und das Anschwellen der Flüsse, wobei nach der Schlacht von Campaldino 
der Leichnam des Buonconte da Montefeltro in den Arno versank (Purg. V 109 
bis 127). Der Eingang in den dichten Hain des irdischen Paradieses erinnert 
den Dichter an den Pinienwald bei Ravenna, wo in den Wipfeln der Frül1- 
gesang der Vögel erschallt (Purg. XXVIII 1-24). Mit der örtlichen Wahr- 
heit dieses Naturbildes constrastirt im himmlischen Paradiese der Lichtstrom, 
aus welchem Funken (Parad. XXX 61-69) sprühen, die sich in die Blumen 
des Meeres stecken, aber wie von Düften berauscht zurücktauchen in den 
Strom, während andere sich erheben. Man möchte glauben, einer solchen 
Fiction liege die Erinnerung an den eigenthümlichen und seltenen Zustand 
der Phosphorescenz des Meeres zu Grunde, Wo leuchtende Punkte beim Zu- 
sammenschlagen der Wellen sich über der Oberfläche zu erheben scheinen 
und die ganze flüssige Ebene ein bewegtes Sternenmeer bildet. Die ausser- 
ordentliche Concision des Stils vermehrt in der Divina Commedia den Ernst 
und die Tiefe des Eindrucks." 
bciPetrarca, Weniger als Dante ist Humboldt P etrarca gerecht geworden. Er führt 
zwar dessen Beschreibung des Thales von Vaucluse und auch diejenige des 
grossen Seesturmes von Neapel 1343 an, die er überaus malerisch nennt, 
vermisst aber in den Briefen des Petrarca allen Ausdruck des Naturgefühles 3. 
Schon Biese4 hat dagegen nachgewiesen, wie gerade bei dem Sänger der 
Laura mit dem modern gesteigerten Innenleben und einem ganz sentimentalen 
Liebesleben sich auf das innigste das intimste Mitleben mit der Natur ver- 
1 KRAUS Dante S. 439.  OZANAM l. c.  
GASPARY Gesch. d. ital. Litteratur I 141.  
BARTOLI Stor. d. Lett. ital. II 187. 
"l A. v. HUMBOLDT Kosmos II 52. 120. 
3 Ebd. II 53. 121. 
4 A. a. O. S. 138 f. Anderes habe ich 
nachgetragen in ,Petrarca in seinem Brief- 
wechseP (Essays I 473).
        

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