Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Kunst des Mittelalters, der Renaissance und der Neuzeit: Renaissance und Neuzeit
Person:
Kraus, Franz Xaver
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1892262
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1892554
Begriff, 
Natur 
constitutive 
Elemente 
Renaissance. 
Damit ist die ausschliessliche Herrschaft des didaktischen Zweckes in der 
Kunst beseitigt; es wird anerkannt, dass die Kunst ein seelisches Vergnügen, 
ein inneres Geniessen zu schaffen hat, und wenn Dante dem kommenden 
Realismus des Quattrocento damit die Thüre öffnet, so zeigt er Purg. XXXI 49 
und Coiivivio IV c. 25 auch zuerst die unverhüllte Empfindung für die An- 
erkennung der Schönheit des menschlichen Körpers. Aber diese Schönheit 
gipfelt ihm nicht in der Pracht und Ueppigkeit der Glieder, sondern in der 
Schönheit des menschlichen Antlitzes, aus dessen Zügen ihm die unausspreeli- 
liche Schönheit Gottes herausleuchtet (Parad. XXVII 91 f.; III 10-15. 58). 
Die Kunst hat also als höchstes Ziel die Verklärung der menschlichen in die 
göttliche Schönheit, das traszunanar (Parad. I 170; XX 13 f), darzustellen. 
Die höchste Schönheit des Erdenleibes, den wir hier tragen, ist nur ein Ab- 
glanz der geistigen, auf Gott zurückweisenden, und da, wo die Sünde das 
Ebenbild Gottes im Menschen entwürdigt, versinkt der Anspruch unserer 
Körperlichkeit, der Kunst als höchster Vorwurf zu dienen. 
Ich habe seiner Zeit hervorgehoben, wie hier der Punkt ist, wo der christ- 
liche Idealismus der Primitiven sich von dem sinnlichen Naturalismus der 
Späteren scheidet. Für jene ist Dante, von Giotto herab bis zu Raffaels Tod, 
der eigentliche Gesetzgeber: sein Einfluss halt wie eine unsichtbare Macht 
die Geister Italiens auf dem Boden zurück, wo ein edler Idealismus und 
ein gesunder Realismus thatsächlich allein eine Ausgleichung finden konnten. 
Der unmittelbare Einfluss Dante's auf Kunst und Künstler erledigt sich 
aber damit nicht. Das gewaltige plastische Vermögen des Dichters musste 
ebenso wie sein dramatischer Stil auf jene wirken. In dem Geschicke der 
Dramatisiruiig wird Dante nur von Shakespeare übertroffen. Das 13. Jahr- 
hundert hatte mit seinen geistigen und politischen Kämpfen die Menschheit 
in eine ungeheure Spannung versetzt: aus ihr löst sich wie von selbst der 
dramatische Charakter der Kunst, wie wir ihn bei Niccolo Pisaiio und Giotto 
wahrnehmen, los; der Mann aber, der hier das lösende Wort gesprochen und 
die dramatische Coinposition, auf welche sich jene Künstler instinctiv liiii- 
getrieben sahen, durch sein Beispiel zum Postulat der Zeit gemacht hat, ist 
doch Dante. Er hat zu allgemeiner Giltigkeit erhoben, was jene geahnt, so 
dass wir jetzt ein doppeltes Gesetz statuiren können, welches sein Geist der 
italienischen Kunstwelt vorschrieb: einmal das der festen und sichern 
Charakteristik, dann das der dramatischen Lebenswahrheit. Mit dem einen 
und dem andern war sowol der typische traditionelle Charakter der alten 
kirchlichen Kunst als der ausgeartete und zu lebloser Starrlieit herabgesunkeno 
Byzantinisinus überwunden. 
All dem fügte der Genius des Dichters eine dritte Wohlthat hinzu. 
Ihm ist es zu danken, wenn die Früh- und Hochrenaisance bis zu 
Raffaels Ende jenen Ideenreichthum bewahrt hat, der auf den Traditionen 
und dem Geiste der altchristlichen und mittelalterlichen Zeiten beruhte. Nach 
1520 versinken diese Ideale: die Schönheit der irdischen Erscheinungswelt 
wird ausschliesslich mehr betont. Eine beklagenswerthe Ideenarmut stellt 
sich ein, statt der Gedanken malt man Empfindungen, und die Kunst dient 
endlich nur mehr dem Genuss. Indem die grösste nationale Dichtung Italiens 
aus der Tiefe des religiösen Bewusstseins schöpfte und nicht zu einem pro- 
fanen oder fremden Stoff griff, bewahrte die Commedia die italienische Welt 
davor, die Probleme des Lebens anders als im Zusammenhang der religiösen 
Idee anzusehen; sie legte die Richtung auf die geistige Welt und den Vor-
        

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