Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Kunst des Mittelalters, der Renaissance und der Neuzeit: Renaissance und Neuzeit
Person:
Kraus, Franz Xaver
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1892262
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1894266
Zweiundzwanzigstes 
B11 ch. 
verbreitet sich Durandus, indem er auf den Bischof Richard von Cremona 
zurückgeht, welcher dasselbe ,ab excubiis et cvustodiis Levitamlaiz circa taber- 
ozaculum, vel ab (Itrio saccrdotiuvn, wl a porticu Skvlomovzis ad te11zpZu-2n' ab- 
leitet. Der Verfasser des ,Itationale' fügt hinzu: Joorro, sicut tenrplzenz trimn- 
phantevn (Zesiqnat Ecclesiam, sie clazcstruvn coelestenz signißccet paradisuwf. 
Die von demselben Durandus (I 8, 21) erwähnte Ausmalung der Kirchen mit 
der Scene des Paradieses, durch welche die Gläubigen angelockt, und die der 
Hölle, durch welche sie mit Furcht vor der Sünde erfüllt werden sollten, wird 
sich zunächst gerade auf das Atrium und dann auf das Claustrum beziehen. 
Demgcmäss ist durchaus verständlich, weshalb die Malereien im Pisaner Campo- 
santo mit den Schrecken des Todes und der Darstellung der letzten Dinge  
Gericht, Himmel und Hölle  beginnen. Das Leben der Anachoreten kann als 
eine weitere Ausführung oder Epexegese dessen betrachtet werden, was, im 
Gegensatz zu dem fröhlichen, aber den Schrecken des Todes gänzlich unter- 
worfenen Weltleben, im ersten Gemälde bereits angedeutet war. Eine Reihe 
weiterer Bilder ist der Legende von Localheiligen gewidmet, an denen sich 
der patriotische Sinn der Pisaner erfreute; sie sind hier gewissermassen ein 
Einschiebsel, ein Pentimento. Mit der Darstellung der Geschichten Hiobs wird 
der Zusammenhang mit dem Zweck des Gebäudes wieder aufgenommen. Im 
September, sagt Durandus (VI 1, 17), liest man den Hiob, Tobias, Esdras, 
Judith, Hester, ,gzez'a hi aclversa sustizzuerunt, et Ecclesia in fine mzmdi ad-versa 
omnia pro Domino tolerabitÄ Esther und Judith erscheinen hier an der west- 
lichen Schmalseite. Man darf in diesen Scenen eine Reminiscenz der alt- 
christlichen Uebung erblicken, welche in der Zeit der Verfolgung den Gläubigen 
mit Vorliebe jene Darstellungen aus dem Alten Testament an den Wänden 
der Katakomben bot, die geeignet Waren, den Muth und das Gottvertrauen 
der Gemeinde zu stützen. Die Ostwand bietet mit den Passionsscenen, der 
Kreuzigung und Auferstehung den Abschluss der ganzen Decoration, deren 
durchschlagender Gedanke doch immerhin derjenige der Ecclesia patiens, im 
Gegensatz zu der dem Langhaus und dem Chor der Kirche zugewiesenen Ver- 
anschaulichung der Ecclesia militans und triumphans, sein wird. Wie aber die 
Menschheit von Anbeginn der Schöpfung an auf diesen Abschluss hingeführt 
wurde, will offenbar die nördliche Längswand zeigen. Sie beginnt mit der 
Erschaffung der Welt und gibt mit Ausnahme der zwei letzten Scenen 
(31 und 32: Jericho, Goliath; Königin von Saba) nur solche aus der Genesis. 
Wer die grosse Bedeutung kennt, welche die Genesisbilder in der altchrist- 
liehen und frühmittelalterlichen Kunst (vgl. I 456. 470) gehabt haben, wird 
sich kaum der Annahme verschliessen können, dass auch hier eine An- 
lehnung an die frühere Uebung platzgriff. Die Genesis wurde immer noch, 
wie heute, in der Septuagesima gelesen, wie Durandus sagt: Septuagesima 
enim tempus nostrae captivitatis et poenae et culpae designat, de qua m-ystice 
ad Jerusalem redire debemus (VI 3, 15). Die Genesis aber wird, fügt er 
weiter hinzu (VI 25,  in dieser Zeit gelesen, weil sie uns jnstruit 
in initialibus poemtentiae, in fiele scilicet et t-imore, quae szmt essentia poenitentiad. 
Die Ausführung, welche Durandus dazu gibt, hebt fast dieselben Scenen her- 
aus, welche uns an dieser Nordwand vorgeführt werden. 
So wäre denn der geistige Inhalt der Camposanto-Malereien im grossen 
und ganzen klargestellt. Es bleibt nur zu sagen, dass die Ausführung eine 
sehr ungleiche war. Dem tiefen religiösen Ernst, der gewaltigen und er- 
greifenden geistigen Kraft, welche aus den ersten Bildern und der Schilderung
        

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