Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Kunst des Mittelalters, der Renaissance und der Neuzeit: Renaissance und Neuzeit
Person:
Kraus, Franz Xaver
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1892262
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1892528
Buch. 
Einundzwanzigstes 
Aber nicht bloss die ,Vita Nuova", sondern die ganze ,Divina Commedia' 
ist ein Bekenntniss Dante's. So hat Döllinger schon das Gedicht aufgefasstl, 
und im selben Sinne konnte auf spontane Manifestationen desselben hin- 
gewiesen werden, welche die Form des Altruismus annehmen, d. h. auf Aus- 
führungen, bei denen der Dichter unter den Zügen Anderer sein eigenes Por- 
trät liefert, bezw. sein Urteil über sich selbst abgibt 2. 
Schon vor Dante hatte sein Lehrer und Freund Brunetto Latini in Seinen 
,Versi sciolti' wahre und erlebte Leidenschaft geschildert und hatte Guido 
Guinicelli in Bologna jenen dolce stile nuouo begründet, der, durch Guido 
Cavalcanti nach Florenz übergeführt, durch Dante übernommen und aus- 
gebildet, durch die Ehrlichkeit und den Ernst der Empfindung, die Kraft und 
Unmittelbarkeit des Ausdrucks Vorläufer und Pendant jener Richtung der 
bildenden Kunst wurde, welche Niccolo Pisano in der Sculptur, Giotto in der 
Malerei vertreten sollte. Jetzt wurde das Sonett, anfangs in der Zahl der 
Verse und in der Reimstellung noch schwankend, durch Petrarca schliesslich 
bleibend in seiner Form festgestellt, das Hauptmittel zur Schilderung seelischer 
Zustande, wie Burckhardt es nennt, ,der allgemein giltige Condensator der 
Gedanken und Empfindungen, wie ihn die Poesie keines andern modernen 
Volkes besitzti Dante's Liederbuch weist den häufigen und meisterhaften 
Gebrauch dieser Dichtform auf, welcher die Terza Rima seiner Commedia 
in der Wirkung am nächsten kommt. Die toscanische Kunst des Trecento 
ist nur denkbar bei einem Volke, welches durch diese Schule hindurch- 
gegangen war. Ihr Grossmeister war, nach der formalen Seite, Petrarca. 
Aber auch dessen Freund und Rivale Boccaccio weiss in dem Sonett den 
Empfindungen der Liebe und der Schwermuth wundervollen Ausdruck zu Ver- 
leihen. Dass seine ,Fiametta' ein weibliches Seitenstück zur ,Vita Nuova" 
Dantels und von dieser angeregt ist, hat schon Burckhardt ausgesprochen. 
Jedenfalls haben wir auch in dieser Dichtung ein umfassendes, auf tiefer 
Beobachtung beruhendes Sitten- und Seelengemalde, welches uns die weitere 
Entwicklung der Seelenschilderung in den beiden auf Dante folgenden Genera- 
tionen zeigt. Man sieht hier denselben Fortschritt in der Malerei des seelischen 
Ausdrucks, wie ihn die Andachtsbilder der sienesischen Schule gegenüber dem 
trockenen Gesichtsausdruck Giotto's aufweisen 3. 
Die Erkenntniss der menschlichen Persönlichkeit und die Offenbarung 
des eigenen Ich war eine nothwendige Vorstufe zur Ausbildung der Bio- 
graphik und Selbstbiographik, in der das Italien des 14. und 15. Jahr- 
hunderts den meisten übrigen Nationen ebenfalls voranging, und deren kunst- 
massige Pflege wiederum als Vorbedingung des erzählenden Elementes in der 
bildenden Kunst erscheint. Das christliche Alterthum, welchem die classische 
Litteratur unsterbliche und leuchtende Vorbilder der Biographik geliehen, 
hatte sich mit Erfolg auch nach dieser Richtung der Litteratur versucht. 
Aber die Papst-, Bischofs- und Heiligengeschichten des Mittelalters wissen 
,je me composai une femme de toutes les 
femmes que j'avais vues". Ibid. p. 307: ,ma 
Heure d'amour, mon fautöme sans nom des 
bois de PArmorique, est devenue Atala sous 
les ombrages de 1a Floridef  
1 DÖLLINGER in Allg. Ztg. 1888, Nr. 335, 
Beil. 
2 KRAUS Dante S. 153. 
3 Für die Auffassung und Analyse des 
Menschen im 15. und 16. Jahrhundert ist 
jetzt noch auf WILH. DILTHEY in L. STEINS 
Archiv f. Gesch. d. Philosophie IV (1891) 
604, für die ältere Litteratur der Selbst- 
bekenntnisse auf v. Bßzoma in STEINHAUSENS 
Zeitschr. f. Kulturgesch. I 161-163 zu ver- 
weisen.
        

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