Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Kunst des Mittelalters, der Renaissance und der Neuzeit: Renaissance und Neuzeit
Person:
Kraus, Franz Xaver
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1892262
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1892513
Begriff, 
Natur 
constitutive 
Elemente 
Renaissance. 
kenntnisse' nur mit Goetheis ,Faust' zu vergleichen weiss. Eine so mächtige 
psychologische Offenbarung wie die ,Confessiones' hätte eine tiefgehende 
Veränderung in Kunst und Litteratur hervorrufen müssen, wäre sie auf den 
geeigneten Boden gefallen. Aber der Niederschrift dieser Bekenntnisse folgte 
nach wenigen Jahren das ercicliuan, urbis Romae, und in dem Sturz der 
Hauptstadt des Reiches versank die künstlerische Schöpfungskraft des in sich 
erschöpften Alterthums. Jahrhunderte mussten vergehen, ehe die jungen Völker 
des Mittelalters geistig hinreichend gereift waren, um dem innern Herzschlag 
des Menschen ihr Ohr zu leihen und in die verborgene Kammer des Herzens 
hineinzublicken. Wie unbehülflich sie lange Zeit den Vorgängen des Seelenlebens 
gegenüberstanden, lehren uns ebenso die schöne Litteratur vor dem 13. Jahr- 
hundert wie die Beichtformulare des frühen Mittelalters, welche uns das sitt- 
liche Leben der Zeit nur in ihren naivsten und rohesten Umrissen verrathen. 
Die ,Confessio' des Bischofs Ratherius von Verona Cqualitatis coniectzaraQ geht 
nicht über diesen Rahmen hinaus, und erst Abälards Briefe an Heloissa wie 
dessen ,Historia calamitatum suarum' greifen tiefere und wahrere Accorde; 
Um 1293, also in den Tagen des jungen Dante, verfasste Raymund Lull 
Selbstbekenntnisse und eine Schilderung seines Lebens. Dann kommt Dante 
mit seiner ,Vita Nuova", deren poetischer Kern wol zwischen 1283 und 1292 
entstanden ist, Während der Prosatext wol um 1300 zu setzen sein wird 1. 
Ich habe anderwärts durchgeführt, dass meines Erachtens Dante in dieser 
Schrift kein eigentlich historisches Document hinterlassen, sondern ein freies 
poetisches Kunstwerk schaffen wollte, welches das ,Phantasma' seiner Jugend, 
die Liebe in ihrer successiven Entwicklung, in den verschiedenen Phasen ihrer 
Vergeistigung zu schildern beabsichtigte. Meiner Annahme nach haben that- 
sächliche Vorgänge äusserer wie innerer Natur den Dichter zur Abfassung 
der die Substanz der ,Vita Nuova' bildenden Lieder veranlasst; aber diese 
Vorgänge sind ihm im Grunde nur das Substrat einer Dichtung, welche über 
das wirklich Erlebte mit voller poetischer Freiheit verfügte und schon sehr 
früh den grossen Dichter verrieth, der das persönliche Erlebniss mühelos in 
die Sphäre eines höheren Denkens und des allgemein giltigen Empfindens zu 
erheben weiss. Ich sehe einen ganz analogen Fall in Petrarcais Laura; mag 
sie der Name der Frau gewesen sein, die Petrarca 1327 zuerst in der 
S. Clarenkirche zu Avignon erblickte und welche 1347 an der Pest starb: 
sicher war auch sie nur wie Beatrice das Substrat einer andern, unendlich 
Inächtigern Liebe zu einem jener verwandten, alle Vorzüge des weiblichen 
Geschlechts in sich vereinigenden Wesen. Dieses Wesen war für Petrarca 
das Phantasma seines Lebens, wie Beatrice es für Dante gewesen; ihre Ver- 
herrlichung wurde ihm das Piedestal zur Erreichung jenes Lorbeers, welcher 
Ziel und Inhalt seines ganzen Lebens war 9. Ein ähnliches Verfahren schlägt 
Chateaubriand seit Beginn seiner schriftstellerischen Laufbahn ein. Er hat 
sich selbst in seinem ,Rene' gemalt, und Atala ist der Reflex jenes Phantas- 
ma's, jenes Idealweibes, das sich der jugendliche Dichter aus allem, was er 
gesehen und geliebt hatte, zurecht gemacht hatte 3. 
1 Ich muss für die Begründung dieser und 
aller im folgenden berührten Fragen der Dante- 
litteratrlr auf mein Werk: Dante. Sein Leben 
und sein Werk. Sein Verhältniss zur Kunst 
und zur Politik. Berl. 1897, verweisen. 
 2 F. X. KRAUS Francosco Petrarca in 
seinem Briefwechsel (Essays [BerL 1896] 
S. 535). 
3 CHATEAUBRIAND Mämoires d' Outre- 
Tombe. Ed. EDM. Blni: I (Par. 1898) 150:
        

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