Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Kunst des Mittelalters, der Renaissance und der Neuzeit: Renaissance und Neuzeit
Person:
Kraus, Franz Xaver
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1892262
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1893955
italienische 
Frührenaissance. 
dass, nach dem Programm des Priors Passavanti, der Englische Lehrer den 
Sieg der durch die göttliche Weisheit gewährleisteten Wahrheit über U11- 
glauben und Irrglauben verkündigen soll. Es fragt sich aber, in Welchem 
Zusammenhang steht dieser Gedanke und seine künstlerische Ausprägung mit 
den Strömungen der Zeit? 
Wer mit der dantesken Allegorie bekannt ist, wird sofort die Abhängig- 
keit der hier im Trionfo di S. Tommaso gegebenen Allegorie mit jener er- 
kennen. Ich habe seiner Zeit nachgewiesen, wie die Personification der gött- 
lichen Weisheit in Litteratur und Kunst seit dem Alterthum ausgebildet war 
und wie sie von Dante übernommen wurde, um sie als Führerin in der Beatrice 
der Göttlichen Komödie da eintreten zu lassen, wo das ragiorzu-re, die Ver- 
nunftwissenschaft, versagt 1. Den Unterschied des Jumen rati02zis' und des 
Junwn divimuvz' hat Dante in der ,Monarchia' (III c. 3) klar dargelegt: jenes 
vermag uns nur die irdische Glückseligkeit zu gewährleisten, dieses führt uns 
zum Genüsse Gottes im himmlischen Paradiese. Diese Definition entspricht 
ganz dem Standpunkt, welchen Thomas von Aquin in seinen beiden Summen 
vertritt. Er, der Englische Lehrer, ist aber nicht der Repräsentant der sapicvztia 
divina, die ein durch die Gnade Gottes von oben Eingegossenes ist, sondern 
der scientia divina oder theologica, welche auf jener beruht, aber eine wesent- 
lich menschliche, intellectuelle Function ist. Darum thront auf unserm Bilde 
die Sapimitia über Thomas, wie auf Ambruogio Lorenzettis Wandgemälde im 
Palazzo pubblico zu Siena über dem Regiment des Staates. Die Beziehung 
auf Dante legt sich um so naher, als wir in den obern Schichten des Trionfo 
derselben Combination der drei theologischen und der vier Cardinaltugeinlen 
begegnen, welche uns die Erscheinung des Carro im irdischen Paradiese 
(Purg. XXIX, 121 f. 133 f.) darbietet. 
Was in dem obern Abschnitte der über die Vernunftwissenschaft trium- 
phirende Thomas als Repräsentant der Glaubenswissenschaft darstellt, erhält 
in dem untorn Abschnitt seine Epexegese. Die Ausdeutung unterliegt im 
Einzelnen Schwierigkeiten, die noch nicht völlig behoben sind: über den Sinn 
des Ganzen kann auch hier kein Zweifel bestehen 2. 
Diese untere Partie zeigt 14 in gothischen Nischen thronende Frauen- 
gestalten, vor denen je eine männliche Gestalt auf der Bank sitzt, während 
die die Nischen krönenden Giebel Medaillons mit Brustbildern aufweisen. 
Die erste, linke Hälfte (rechts vom Beschauer) bietet die geringere Schwierig- 
keit. Die Brustbilder in den Giebeln sind die Allegorien der sieben Planeten, 
die thronenden Frauen sind die Allegorien der sieben Künste (Grammatik, 
Rhetorik, Dialektik [das Trivium], Musik, Astronomie, Geometrie, Arithmetik 
[das QuadriviumD; die vor ihnen sitzenden Männer sind die Vertreter dieser 
Wissenschaften in der Geschichte: Priscian, Cicero, Aristoteles, Tubalkain, 
Ptolomaus, Euklid und Pythagoras. Schwieriger ist die Deutung der zweiten, 
rechten Hälfte. Oben sieht Schlosser, der sich fast allein mit der Erklärung 
dieser Medaillons beschäftigt hat, die sieben Gaben des Heiligen Geistes, was 
sich an sich nahelegt 3. Nach Jes. 11, 2. 3 sind idas der Spiritus sapievztiae 
1 Vgl. meinen ,Dante' S. 462. 468. 
2 Die beste Studie über diesen Theil des 
Gemäldes lieferte J. v. SCHLOSSER a. a. 0., 
doch kann ich auch hier nicht in allweg 
den Ansichten des Verfassers beitreten. 
3 Die Verbindung der sieben Gaben des 
Heiligen Geistes und der Planeten begegnet 
uns öfters, z. B. bei AUGUST. De doctr. Christ. 
II 7, wo man durch jene zur Weisheit empor- 
steigt, später bei ALEXANDER NECKAM, der 
sie zusamrnenstellt (De nat. rer. I c. 7, Ed. 
WRIGHT). Vgl. Scnnossßn a. a. O. S. 51.
        

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