Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Kunst des Mittelalters, der Renaissance und der Neuzeit: Renaissance und Neuzeit
Person:
Kraus, Franz Xaver
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1892262
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1893907
Zweiundzwanzigstes 
Buch. 
schlossen. Von ihm gehen Strahlen der Erleuchtung aus, welche die Häupter 
der sechs Heiligen, aber auch dasjenige des Thomas treffen. Rechts von 
Thomas steht Aristoteles, links Plato, beide durch Inschriften bezeichnet: es 
ist klar, dass jenem die erste Stelle gebührt. Aristoteles zeigt dem Doctor 
Angelicus seine ,Ethica', Plato den ,Ti1naeus'; auch von jedem dieser Bücher 
geht ein Strahl des Lichtes nach dem mächtigen Haupte des Englischen 
Lehrers. Zu dessen Füssen windet sich der besiegte Weise des Heidenthuins 
und der Häresie, der durch seine maurische Tracht als Averrhoes bezeichnet 
ist. Vasari spricht ausserdem von Sabellius und Arius, von denen das Bild 
in seinem gegenwärtigen Zustande nichts aufweist. Zur Rechten und Linken 
des grossen Ketzers sieht man die Versammlung der Gläubigen, unter denen 
Urban VI porträtirt sein soll (Vasari), und zahlreiche Dominicaner. Diese 
fromme Versammlung ist von den Strahlen der Erkenntniss beleuchtet, welche 
von den Büchern des hl. Thomas ausgehen. Vasari nennt diese Composition 
eine ,linvenzi0nc capricciosa ehe ä molto lauclataÄ Schwerlich hat er damit au 
,eine ausgeklügelte Scholastik' gedacht, wie Hettner (S. 108) meint, der schon 
in dieses Bild allerlei hineingedeutet hat, wo Demjenigen, welcher mit den An- 
schauungen der Zeit und der Theologie bekannt ist, nichts Geheimnissvolles 
zu suchen ist. 
In S. Maria Novella hatte schon Stefano Fiorentino (geb. ca. 1301, gest. 
um 1350?) ein Bild des hl. Thomas von Aquin in Halbfigur gemalt. Vasari 
(l 449) weiss von einem Crucifixbild zu berichten, welches jetzt noch, sehr 
verdorben, über der zu dem grossen Kreuzgang führenden Thüre des Chiostro 
verde steht und Thomas von Aquin und Dominicus neben sich hat. Aussor- 
dem aber findet sich in der Lunette über der jetzt vermauerten Eingangs- 
thüre zu der ehemaligen Kapelle des hl. Thomas hinter der von dem Souterrain 
zu dem ältesten Kreuzgang führenden Thüre ein Bild des Englischen Lehrers, 
gleichfalls in Halbfigur; er hält in der Rechten eine Feder, in der Linken ein 
offenes Buch mit dem ,Verbum caro prmem vermn verbo carnrwz efficit"  be- 
kanntlich ein Vers aus dem Hymnus des Heiligen auf das heilige Altars- 
sacrament ,Pange lingual. Die Beziehung ergibt sich von selbst, und nur 
Demjenigen, der den Hymnus des Doctor Angelicus nicht kennt, konnte ein- 
fallen, hier von ,sehr weit ausgeführter und spitzfindig ausgeklügelter Symbolik' 
zu sprechen 1.  
Die Die an der Vorderseite des Klosterhofes von S. Maria Novella angelegte 
Sjläimijfhe Spanische Kapelle (Cappella degli Spagnuoli), der ehemalige, 1506 
R130 e.    
unter Cosimo I den in der Stadt ansässigen Spaniern eingeräumte Kapitelsaal, 
bietet in ihren Wand- und Deckengemälden indessen weitaus das Bedeutendste, 
was der Predigerorden zur Verherrlichung der ihm seiner Auffassung nach 
von der Providenz zugewiesenen Aufgabe und seines glorreichsten Gelehrten 
jemals geschaffen hat. 
Die Dominicaner, seit 1216 in Florenz angesiedelt, übernahmen 1221 die 
alte damals noch ausser der Ringmauer gelegene Kirche S. Maria tra le Vigne 
und unternahmen zwischen 1244-1256 einen Umbau derselben, welchem der 
von Fra Ristoro und Fra Sisto entworfene Vcrgrösserungsplan mit der am 
18. October 1378 als Versöhnungsfest zwischen Guelfen und Ghibellinen ge- 
feierten Grundsteinlegung folgte. Erst 1357 vollendete Jacopo Talenti diesen 
Bau, der 1420 durch Papst Martin V auf dem Rückwege vom Constanzer 
HETTNER 
Studien 
(Braunsch w 
1879)
        

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