Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Kunst des Mittelalters, der Renaissance und der Neuzeit: Renaissance und Neuzeit
Person:
Kraus, Franz Xaver
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1892262
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1893861
Zweiundzwanzigstes 
den tiefen Veränderungen, welche die Symbolik und Allegoristik der christ- 
lichen Kunst im Mittelalter erlitt (II 1, 268 H1), wie entschieden sich dieselbe 
von der altchristlich-römischen Grundlage entfernte und wie sich im 12., 
13. und 14. Jahrhundert unter den Händen der Sicardus, Honorius, Durandus 
u. s. f. ein neues System herausgebildet hatte, welches den gesammten Cultus, 
das Kirchengebäude, die gottesdienstlichen Handlungen, Orte, Zeiten, die 
priesterliche Gewandung, deren Schnitt und Farbe, kurz, in einem gewissen 
Sinn das ganze kirchliche Leben mit seiner Allegoristik umspannte, und wie 
diese Allegoristik, ursprünglich noch durch den Zusammenhang mit der Liturgie 
gehalten, mehr und mehr subjectiven Eingebungen und selbst den Aus- 
schreitungen seltsamer Phantastik unterworfen wurde. 
Dante's grosses Gedicht ist in seiner constructiven Anlage gewiss auch 
nur eine grosse Allegorie. Die Hauptgestalten der Commedia, Virgil, Beatrice, 
Lueia, Matelda, sind Allegorien. Die Reise durch die drei Reiche selbst ist 
ein allegorischer Vorgang. Mit diesen Allegorien und den symbolischen Re- 
präsentationen allgemeiner Begriffe hatte indessen Dante niemals eine un- 
sterbliche Dichtung von allgemein menschlicher Gültigkeit zuwege gebracht. 
Es sind ganz andere Eigenschaften, welche seiner Schöpfung einen so hohen 
Rang in der Geschichte der Kunst gesichert haben. Und gerade diese selben 
Eigenschaften: das Dringen auf die Darstellung des innerlich Erlebten, das 
dramatische Element und die plastische Gestaltungskraft, das sind auch die 
Qualitäten, welche Giotto zum grossen Künstler machen und ihn als solchen 
selbst da retten, wo er sich die Darstellung einer puren Allegorie auferlegen 
lasst, z. B. in der Vermählung des hl. Franciscus mit der Armut. Burck- 
hardt (Cicerone III 7 493) irrt wahrscheinlich, wenn er meint, Giotto habe sich 
zur Behandlung dieses Vorwurfes durch Dante verführen lassen. Aber Recht 
hat er mit der Bemerkung: ,beim Dichter bleibt der Vorgang Symbol, und 
der Leser wird darüber keinen Augenblick getauscht; beim Maler wird es 
eben doch eine Trauung, und wenn er noch so viele Winke und Beziehungen 
aufhäuft, wenn auch Christus dem hl. Franz die Armut zuführt und es dabei 
geschehen lasst, dass zwei Buben sie misshandeln, u. dgl. Die Verpflichtung 
zur Armut als eine Vermählung mit ihr zu bezeichnen, ist eine Metapher, 
und auf eine solche darf man gar nie ein Kunstwerk bauen, weil sie als 
Metapher, d. h. Uebertragung auf eine neue iingirte Wirklichkeit, im Bilde 
ein nothwendig falsches Resultat gibtf 
Im allgemeinen wird man diesen Ausführungen beipflichten dürfen, zu 
welchen freilich zu erinnern ist, dass in der Phantasie des Mystikers manche 
Vorstellungen und Metaphern einen Grad von Wirklichkeit gewinnen, mit dem 
die übrige Welt nicht zu rechnen weiss. Für diese Kreise gewinnt damit 
auch die Allegorie eine grössere relative Berechtigung. Wenn J. Burckhardt 
dann weiter meint, diese ganze Lust am Allegorisiren sei als Residuum der 
antiken Mythologie aus dem Alterthum übernommen und Marcianus Capella 
sei der eigentliche Ahn dieser Richtung, so wird man diesen Satz kaum gut- 
heissen können, angesichts des thatsächlichen Anschlusses der christlichen 
Allegoristik an die Heilige Schrift und deren Auslegung. Die Vermählung 
S. Francescois mit der Armut mag noch so stark an die ,Nuptiae Philologiaef 
erinnern, gewiss beruht aber auch diese Allegorie auf dem biblischen Grunde, 
wie er durch das Hohelied geschaffen war. 
Man wird auch zugestehen müssen, dass, sobald einmal durch Dante und 
Giotto der richtige Weg für die bildende Kunst gefunden war, die Allegorie
        

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