Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Kunst des Mittelalters, der Renaissance und der Neuzeit: Renaissance und Neuzeit
Person:
Kraus, Franz Xaver
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1892262
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1892498
Begriff, 
Natur 
und 
constitutive 
Elemente 
Renaissance. 
Als primäre Ursachen der neuen Bewegung erkennt Gebhart die intel- 
Iectuelle Freiheit, welche trotz aller Bindung durch das Dogma den Genius 
und das moralische Leben des italienischen Volkes jener Jahrhunderte kenn- 
zeichnet (p. 41). Der Italiener kennt die tiefe sittliche Erfassung des Dogmas 
nicht, wie sie dem Nordlander, oft mit Uebertreibung, als selbstverständlich 
erscheint. Die tourmente de Fi-nßni ist der Masse des Volkes ebenso fremd 
als unverständlich. Die allgemeine Kirche ist seine, die italienische Kirche; 
er betrachtet sie wie sein Eigenthum und sich kraft seiner Geburt auf ita- 
lienischem Boden als ein nothwendiges Stück derselben. Es hat daher in 
Italien niemals grosse Häresien gegeben. Was der italienische Volksgeist 
nach der religiösen Seite Gutes, Liebcnswürdiges und Naives bot, kam zu 
voller Ausbildung in der von Francesco d'Assisi getragenen religiösen Be- 
wegung, deren für das Kunstleben so befruchtende Einwirkung nicht hoch 
genug angeschlagen werden kann. Der sociale Zustand der Halbinsel, die 
frühe Entwicklung communaler Freiheit kam hinzu, um diese Freiheit des indi- 
viduellen Lebens kräftig zu entwickeln. Sobald das Volgare sich in der Sprache 
ausgebildet, war der Moment gekommen, wo es auch in der bildenden Kunst 
seinen Ausdruck ünden musste. 
In diesen Punkten stimmen Gebharts Ausführungen mit den Ansichten 
zusammen, welche der Verfasser dieses Werkes in Uebereinstimmung mit Adolfo 
Venturi stets vorgetragen hat. Weniger erschöpfend erscheint ihm, was 
Gebhart über die sogen. secundären Ursachen der Renaissance sagt, die er 
in den fremden Einiiüssen sieht. Gewiss hat die Erziehung eines Theiles der 
italienischen Kunstwelt durch den Byzantinismus, die Beeinflussung durch das 
arabische und normannische Element, das Eintreten der Staufen und insbesondere 
Friedrichs II seinen Antheil an der Entwicklung des künstlerischen Geistes; 
constitutive Elemente der Renaissance möchte ich indessen diese Erscheinungen 
nicht in gleicher Weise nennen. 
Gehen wir den einzelnen Grundbedingungen nach, welche die consti- Constitutive 
tutiven Elemente der italienischen Renaissance bilden. dgeäjfäfly 
Die Eigenart des Volkes, wie wir sie in Kürze skizzirt haben, gipfelte Sam- 
in einer Phantasie, die wie bei keiner andern Nation künstlerisch veranlagt 
und geschickt war. Das war freilich die erste und nothwendigste Basis, von 
welcher sich die künstlerische Production abheben konnte; aber zu einer 
wirklich fruchtbaren Schöpfung konnte der Volksgeist doch erst kommen, 
nachdem er es gelernt hatte, sich zu verobjectiviren. Mit andern Worten: 
ein grosses, freies Kunstwerk konnte erst geboren werden, nachdem der 
menschliche Geist gewissermassen sich selbst und die ihn umgebende Welt 
wieder entdeckt hatte. 
Jakob Burckhardt hat in seinem unsterblichen Werke den Weg be- Entdeckung 
schrieben, auf welchem der moderne Mensch einherschritt, um erst sich selbst Melleälem 
und dann die Herrlichkeit der ihn umgebenden Natur wieder aufzufinden. 
Wenn Courajod u. A. meinten, weil in der flandrischen Kunst uns früher als 
in der florentinischen ein ausgebildetes Naturgefühl entgegentritt, gebühre 
dem Norden der Anspruch, die Renaissance inaugurirt zu haben, so ist da- 
gegen zu sagen, dass das für den Einbruch der Renaissance entscheidende 
Moment nicht die Empfindung und Freude an der landschaftlichen Schönheit,
        

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