Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Kunst des Mittelalters, der Renaissance und der Neuzeit: Renaissance und Neuzeit
Person:
Kraus, Franz Xaver
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1892262
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1893764
Zweiundzwanzigstes 
Buch. 
Sano 
 Pietro. 
Einfluss 
Catcrinds 
von Siena. 
Dieser Heilige, 1444 in Aquila erst verstorben, war soeben von Niko- 
laus V bei Gelegenheit des Jubiläums 1450 auf den Altar erhoben werden. 
In Zeiten, wo Ordnung und Zucht in Toscana völlig auseinanderzugehen drohte, 
hatte dieser treue Nachfolger des hl. Iilranciscus in seiner Vaterstadt und weit 
über diese hinaus eine hingebende Thatigkeit entfaltet und Tausende zur Treue 
gegen Christus zurückgeführt. Noch heute begegnet man auf den Häusern 
der Landschaft nicht selten dem Monogramm des Herrn (dem von einem 
Kreuze überstiegenen IHS, was viel später die Jesuiten adoptirten), Welches 
S. Bernardino Allen, die sich auf die Fahne des Herrn verpliichteten, gewisser- 
massen als Schiboleth gab. Seine Canonisation war für Siena, ja für ganz 
Toscana ein Ereigniss: sie wirkte zündend und anregend auf alle Gebiete der 
Kunst. Bilder des Heiligen in Malerei, Sculptur, Guss, in Silber, in Terra- 
cotta wurden zu Massen bestellt, Kirchen erhoben sich ihm zu Ehren: vor 
Allem nahm das 1425 gegründete Observantenkloster seinen Namen an, jener 
stille, entzückende Convent draussen auf dem Bergkegel vor der Stadt, wohin 
Jeder gewallfahrtet ist, der Siena besucht hat. Unter den Künstlern, welche 
sich in den Dienst dieses neuen Cultus stellten, war keiner populärer als 
Ansane (Sano di Pietro genannt), geb. 1406, gest. 1481. Der Nekrolog 
seiner Pfarrkirche nennt ihn ,pictor famosus et homo fotus dediitizs Deo"  das 
schönste Epitaph, das ein christlicher Künstler sich Wünschen kann. Liebens- 
würdigste Bescheidenheit und Demuth, glühende Verehrung für den hl. Ber- 
nardin sind die Grundzüge seines Wesens. Es steht dahin, 0b er noch per- 
sönliche Beziehungen zu dem grossen Bussprediger gehabt; sicher hat er ihn 
besser als ein Anderer gemalt. Die Mönche von S. Bernardino, das Hospital 
della Scala bestellten Bilder des Heiligen bei ihm: letzteres wollte mit dem 
Porträt desselben seinen Nachfolger, den berühmten Prediger der Türkenkriege, 
Giovan Capistrano, beschenken. Eines der schönsten Bilder dieser Art ist 
das Porträt Bernardins, welches Sano für das Oratorium der Bruderschaft des 
hl. Bernardin als Fahnenbild malte und wo der Heilige zwischen zwei reizen- 
den Engeln sich majestätisch von der Erde zum Himmel erhebt. 
Ein drittes kirchliches Ereigniss, welches der Phantasie des Volkes und 
der Künstlerwelt Nahrung gab, war die Heiligsprechung Caterina's 
da Siena durch Pius II. Der Papst hatte nichts thun können, was den 
Sienesen hellere Freude bereitet hätte, als die Canonisation der armen Farbers- 
tochter von Fontebranda. Dies Weib und sein Leben ist eines der grössten 
Wunder der Geschichte, auch für Den, der an Wunder nicht glaubt. Schon 
als Kind gänzlich in Gott und in die Dinge des Jenseits versunken, zeigte die 
Tochter Jacopds und Lapa's Benineasa, seit sie das Kleid des hl. Dominicus 
genommen, einen Verein ekstatischer Verzückung und politisch-philanthropiseher 
Eigenschaften und Tugenden, wie er wol einzig in der Geschichte dasteht. 
Jahrelang hat sie ihre Zelle nicht verlassen, ein ununterbrochenes Schweigen 
beobachtend: und wo sie dann plötzlich aus der Einsamkeit heraustritt, gibt 
sie, das unerfahrene, kranke Mädchen, Päpsten und Staatsmännern gesunde 
Rathschläge: schweigend hatte sie das Geheimniss gelernt, zu den Grossen 
dieser Erde zu reden und den wilden Mob ihrer entarteten Vaterstadt durch 
die süsse Milde ihres Wortes zu bändigen. Erst später hatte sie lesen und 
schreiben gelernt, und ihre Briefe zählen heute noch zu den bewährten Zeugen 
des italienischen Sprachgeistes. Die einzige Macht, die ihr zur Seite stand, 
War die über allen Zweifel erhabene, Allen einleuchtende und darum Alle 
hinreissende Selbstlosigkeit ihres Wesens. Selber selbstlos, erkannte sie mit
        

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