Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Kunst des Mittelalters, der Renaissance und der Neuzeit: Renaissance und Neuzeit
Person:
Kraus, Franz Xaver
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1892262
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1893758
italienische 
Frührenaissance. 
liehen Stuhl bestiegen. Enea Silvio ist der echteste und liebenswürdigste Pius n. 
Vertreter der Frührenaissance. Er war in seiner Jugend kein Heiliger, wie 
seine Zeit keine heilige war. Aber er war nie ein schlechter Mensch, und 
unedel waren die Aspirationen des Geschlechtes nicht, dem er in seinem 
Thun und Treiben als einer der Führer voranging. Man irrte und unterlag 
der Versuchung. Aber über alle Versuchung und allen Irrthum hinaus hob 
das Ideal und die Liebe zu ihm jene Menschen empor: und das Ideal war 
nicht verschieden von dem, was die Zeit noch im Glauben umiing. 
Die Rüekberufung des Adels und damit die volle Aussöhnung der Par- Diespiiteren 
teien konnte zwar auch Pius II nicht durchsetzen: nur seiner eignen Familie Smmstm" 
ward die Rückkehr zugestanden, und nur als einfachen Bürgerlichen. Lieber 
wollten sie, so erklärten diese verrohten Demokraten, ihre eigenen Kinder 
aufessen, als jene Leute, die Adeligen, wieder zulassen. Indessen gelang 
ihm doch eine gewisse Beschwichtigung der Parteien. Für die Kunst des 
Sieneser Landes bedeutete aber die leider so kurze Regierung Piecolominfs 
eine Periode raschen Aufblühens. Den kleinen Flecken Corsignano, wo Enea 
seine Jugend als Verbannter zubrachte, wandelte er zur Stadt Pienza um.  
Wie seinen Namen so trägt diese Stadt ganz das Gepräge seines Geistes. 
Eine Reihe stattlicher Gebäude stieg rasch aus der Erde empor. Bernardo 
di Matteo, zubenannt ltossellino, schuf als Baumeister des Papstes 
jenen Dom, der in seinen drei gleich hohen Schiffen an Deutschlands Hallen- 
kirehen gemahnt; vielleicht hatte der Papst diese Form des Kirchengebäudes 
dort kennen und bevorzugen gelernt. Echt italienisch ist dagegen der 
Faeadenbau dieser Kathedrale mit seiner klaren Gliederung des Giebelbaues 
durch durchgehende Pilaster, echt national sind auch die übrigen Bauten 
Pius, in Pienza: der Palast der Piceolomini, der bischöfliche und der Justiz- 
palast (Palazzo del Pretorio). 
Auch die Maler nahm Pius II für Pienza in Anspruch. Da war vor 
allem Giovanni di Paolo, genannt del Poggio, der un1 1423 zu malen an- 
fing, und nicht, wie Cavalcaselle (IV 1, 89) sagt, 1447, sondern erst nach 
1481 starb. Um 1462 schuf er das hinter dem Hochaltar zu Pienza noch 
jetzt stehende Bild. Es ist nicht leicht, die Einflüsse auseinanderzulegen, 
welche auf diesen Maler gewirkt haben. Rio vermuthet, dass er die Ein- 
wirkung Squareioneis, Fiesole's, selbst der deutschen Holzschnitte, die damals 
in Italien eindrangen, erfahren. Nach lticci hat ihn Gentile da Fabriano be- 
einflusst. Sein Christustypus ist ziemlich ordinär, auch seine Madonna erhebt 
sich nicht über die Copie des Vorbildes, das ihm im Leben gefiel. Glück- 
licher war er in den kleinen Sujets seiner Predellen, für die er Gentile und 
Fiesolc, wenn auch nicht mit hinreichender Ausdauer, studirt hatte. Seine 
reichste und poetischste Composition ist das jüngste Gericht 111 der Akademie 
der schönen Künste, wo er Fra Angelicds anmuthige Engel- und Heiligen- 
köpfe nachahmt und in der Figur Christi einen Typus schafft, dessen Haltung 
und Bewegung bei Verfiuchung der Verdammten Luca Signorelh, der bald 
darauf Siena besuchte, wol kennen lernte, um sie dann in Orvieto nach- 
zubilden und sie schliesslieh Michelangelo zu vererben. Köstlich sind dann 
die Miniaturen in einer der Sieneser Chorbüeher und die Legenden der 
hll. Bernhard und Galganus auf Altarpredellen der Aceademia in Siena. Wie 
denn überhaupt Giovanni trotz seiner etwas rohen und gewöhnlichen Natur 
eine Zeitlang als Heiligenmaler, besonders mit seiner Darstellung des hl. B er- 
nardin von Siena, beliebt war. 
Kraus, Geschichte der christl. Kunst. II. 2. Abtheilung. 9 
        

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